Landschaftswerkstatt

Anwälte der Rekultivierung: der Landwirtschaftsbetrieb Zinnitz - Groß Jehser GmbH & Co. KG
und sein Leiter Wolfgang Sawade

Im Büro von Wolfgang Sawade in Groß Jehser hängt zwischen zahlreichen Karten, Diagrammen und Tafeln auch ein Schild mit der Aufschrift: "Der Bergbau vernichtet im Durchschnitt nichts, sondern schafft neue Kulturwerte." Dieser Ausspruch stammt aus dem Jahre 1929 und geht auf den in den zwanziger Jahren wirkenden Rekultivierungspionier und Forstmann Heusohn zurück. Sawade hat ihn auf seiner Tafel ergänzt: "... die im wesentlichen durch die Land- und Forstwirtschaft in Jahrzehnten Erfüllung finden." Das Mandat, das Sawade hieraus ableitet, ist eindeutig: als Landwirt kommt ihm die Aufgabe zu, die von ihm bewirtschafteten Flächen zu rekultivieren und dauerhaft nutzbar zu machen.


Der Ausspruch des großen Rekultivierers Heusohn, 1999 ergänzt ergänzt von Wolfgang Sawade - Landwirtschaft ist für ihn Rekultivierung.


Standörtliche Bedingungen und Flächenaussattung:
Der Landwirtschaftsbtrieb Zinnitz - Groß Jehser GmbH gehört zu den zentralen landwirtschaftlichen Nutzern in der Bergbaufolgelandschaft: von seinen 1650 ha Nutzfläche sind knapp 1000 ha (60 %) Kippenflächen. Die übrigen Anteile auf gewachsenem Boden befinden sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Tagebaurestflächen (teilweise im Bereich Schlabendorf-Mitte) und sind daher stark in Mitleidenschaft gezogen; durch jahrelange Entwässerung sind auch deren Böden stark degeneriert. Die Abhängigkeit von der Bergbaufolgelandschaft ist also existenziell und kann nicht durch andere Unternehmensbereiche kompensiert werden. Die Ackerzahlen der dem Betrieb zur Verfügung stehenden Flächen sind überwiegend gering, sie reichen von 8 (auf extrem armen Kippenstandorten) über 10, 15 (auf Aschekippen) bis zu 36 auf dem gewachsenen Boden in Groß Jehser.


In Groß Jehser geht die Sonne auf: Trotz verschiedener Sorgen sieht sich der Betrieb 15 Jahre nach der 1989er Wende gut aufgestellt und für die Zukunft gerüstet.


Mitarbeiter, Produktionsumfang und Flächennutzung 2004:
Der Betrieb ging 1991 aus einer LPG Tierproduktion und 28 % einer LPG Pflanzenproduktion hervor. Er hat 19 Angestellte, was bei der Flächenausstattung einen Schlüssel von 1,15 AK / 100 ha ergibt. Einige Eckdaten seiner Produktion lt. Anbauplan 2004:

Pflanzenproduktion - Marktfruchtbau:

  • Getreide (Gerste, Weizen, Roggen) auf 423 ha (25% des Ackerlandes)
  • Ölfrüchte (Winterraps) auf 247 ha (15 % des Ackerlandes)
  • Leguminosen (Luzerne) auf 470 ha (28,6 % des Ackerlandes)
  • Mais (Silomais, Körnermais) auf 132 ha (8 % des Ackerlandes)
  • Ackergras auf 17,5 ha (1% des Ackerlandes)
  • 356 ha Stilllegung
Tierproduktion:
  • Rinder, 429 Stück (geschlossenes System: Milchkühe, Färsenaufzucht für eigene Reproduktion und Verkauf, Rindermast), Milchquotoe: 1.504.584 kg (910 kg/ha LN) Kuhleistung: 7.918 kg, Milchqualität: 100 % Klasse S
  • Schweineproduktion, 1133 Stück (mit Läuferproduktion und eigenen Mastschweinen) 19,5 Stück Ferkel je Sau ab 1. Bedeckung, Lebenstagezunahme Mastschweine: 758 g

Das Unternehmen ist vielfach zertifiziert und insbesondere im Bereich der Tierproduktion mehrfach für seine umweltgerechten und tierökologisch anspruchsvollen Haltungsbedingungen ausgezeichnet worden.


Wolfgang Sawade auf einer Aschehochkippe bei Groß Jehser. Den weiten Blick von hier in die Landschaft genießt er oft. Die LMBV hat vor der Übergabe umlaufende Windschutzpflanzungen angelegt.


Wolfgang Sawade, Leiter und Inhaber des Betriebes
studierte Anfang der sechziger Jahre Landwirtschaft in Leipzig, wo er auch seine Frau kennen lernte, die heute im Betrieb als Prokuristin arbeitet. Nach dem Studium arbeitete er beim Amt für Landwirtschaft in Geithain und anschließend als Vorsitzender der LPG Pflanzenproduktion Bad Lausick. 1979 wechselte Sawade als Vorsitzender zur LPG Tierproduktion Groß Jehser.
Nach der Wende wurde er unter Zuordnung eines Drittels der benachbarten Pflanzenproduktion Geschäftsführer und Inhaber der neu gegründeten GmbH. Inzwischen haben er und seine Frau das Rentenalter erreicht, arbeiten aber weiter, solange sie ausreichend Energie dazu verspüren und bis eine Nachfolge im Sinne des begonnenen Unternehmensprozesses geregelt ist.
Den Neustart nach der 89er Wende beschreibt Sawade als relativ glücklich. "Wir hatten ein bisschen Verwandtschaft im Westen, das waren Bauern und Wissenschaftler, die haben uns mit ihren Kenntnissen sehr geholfen. Andere haben länger im Dunkeln tappen müssen." Trotzdem waren die zu bewältigenden Umstrukturierungen enorm: Aus 147 Mitarbeitern wurden 18, die Rinderstrecke in Groß Jehser musste mit einer beträchtlichen Kreditsumme neu aufgebaut werden, andere Betriebsteile mussten ganz weichen. "Vorher hatten wir alles an Vieh - auch Schafe und Hühner." Nach vierzehn Jahren ist der Betrieb gut aufgestellt - sowohl das Qualifikations- und Altersspektrum der Mitarbeiter, als auch der Bestand an Tier und Technik, weisen auf eine langfristige Perspektive. "Es ist alles super eingerichtet." Ein großes Problem besteht, wie für viele ostdeutsche Landwirtschaftsbetriebe, im Zwang, den freigesetzten Boden kurzfristig kaufen zu müssen, wenn er nicht an andere Interessenten verloren gehen soll. "Der Bodenkauf zieht das Kapital, das eigentlich für die Technik benötigt würde." So hat der Betrieb bereits über 120 ha Fläche in Schlabendorf Mitte und über 400 ha Kippenfläche in den ehemaligen Tagebauen Seese und Schlabendorf Süd gekauft. Dieser Zugzwang ist für Sawade insbesondere deshalb paradox, als die ihm zum Kauf stehenden Flächen überwiegend degenerierte Böden aufweisen, deren Entwicklung sich vor ihm als eine jahrzehntelange und schwierige Aufgabe entfaltet, für die wissenschaftliches Couching und politischer Beistand vonnöten sind. "Selbst bei den alten Rückwärtskippen mit 75 cm Bodenauftrag sind die Böden noch fast ohne Humus - gerade mal ein bisschen bräunlich. Wir haben Flächen seit 1967 in Bewirtschaftung, da lässt sich heutzutage gerade mal der erste Regenwurm sehen."


Eine slawische Ringwallburg auf einem Schlag des Landwirtschaftsbetriebes. Das archäologische Kleinod steht auf einem schmalen Streifen gewachsenen Landes zwischen Autobahn und Sanierungsgebiet.


Wissenschaft, Politik - und immer wieder Luzerne
Die Kooperation mit der Wissenschaft gehört für Sawade zu den Grundsäulen seiner Landwirtschaft. Gemeinsam mit Wissenschaftlern des Finsterwalder Forschungsinstituts für Bergbaufolgelandschaften (FIB), der BTU Cottbus und des ATB Potsdam-Bornim entwickelte er Programme zum Bodenmonitoring, erprobte verschiedene Kulturen und steht in einem permanenten Diskurs über die Möglichkeiten und Chancen der Rekultivierung, der bereits zu DDR-Zeiten sehr intensiv geführt wurde und durch den politischen Systemwechsel niemals abriss. "Ohne wissenschaftliche Großversuche geht Rekultivierung nicht, kleine Parzellenversuche reichen da nicht aus. Natürlich kann da auch mal was schief gehen, aber das darf man uns nicht übel nehmen: es gibt eben bislang damit kaum Erfahrungen!" Der wissenschaftliche Beistand ist Sawade nicht nur in fachlicher Hinsicht unentbehrlich, sondern auch im politischen Raum, der durch die starke Regulierung der europäischen Landwirtschaft einen großen Einfluss auf das Wohl und Wehe des Betriebes hat. So vertritt Sawade mit Unterstützung von Wissenschaftlern des FIB nachdrücklich die Forderung nach einer Fristverlängerung für den Luzerneanbau. Luzerne ist nach der Erfahrung der hiesigen Landwirte eine ideale Kultur für Aschekippen, die zwar eine gute Wasserhaltefähigkeit, aber eine sehr schlechte Befahrbarkeit aufweisen. "Eigentlich ist das ja kein Boden, das ist ein Substrat. Wir versacken dort im Nu mit dem Trecker, im Jahr gibt es quasi einen halben Tag, an dem es günstig ist, da müssen alle Leute raus auf die Aschekippen." Manchmal geht es auch schief. "Dann bin ich froh, wenn ich schon nicht silieren kann, wenn ich es wenigstens Mähen kann." Sawade versetzt das Saatgut mit 10% Weidelgras, um eine frühzeitige Begrünung und Bodenbindung zu erreichen, den Sommer über aber verdorrt das gras wieder. Infolge des Luzerneanbaus erhöht sich die Befahrbarkeit seiner 400-500 ha Aschekippen erheblich, wie auch die Stickstoffbindung und die ganze Bodenqualität verbessert werden. "Die Ascheböden sind ein Riesenproblem, ich sage meinen Leuten: Pflügt ja nicht tiefer als 25 cm, sonst kommt der ganze Mist hoch!"
Wie dem auch sei, der Luzerneanbau ist als Grünlandnutzung nach EU-Agrarrecht für Ackerböden auf fünf Jahre beschränkt. Danach müssen entweder ackerbauliche Kulturen gesät werden oder die Flächen werden dauerhaft als Grünland eingestuft, was zu erheblichen Einnahmeminderungen führen würde. Sawade kämpft deshalb für seine Aschekippen um eine Verlängerung der Luzerne - Anbaufristen auf zehn Jahre. "Das würde uns wirklich etwas bringen."
Vor diesem Hintergrund hat sich Wolfgang Sawade oftmals bei Politikern Gehör verschafft und seine Interessen verdeutlicht. "Wir wollen unbedingt unsere 18 Arbeitsplätze erhalten." Als Argumentationshilfe dienen ihm dabei oft wissenschaftliche Ergebnisse. So ergab eine Studie von Ralf Schlauderer, dass die Kippenböden mit 30% geringeren Erträgen zu Buche stehen, als intakte gewachsene Böden. Daraus leitet er ab, dass Sonderregelungen für Landwirte auf Kippenflächen getroffen werden müssen.


Pflugkippenschlag in Schlabendorf Nord. Der Weg führt zur Tornower Niederung. Auch hier ist Asche verkippt worden. Heute bestellen die Landwirte aus Groß Jehser und Zinnitz hier Winterraps (links) und Luzerne (rechts).


Das "Hauptproduktionsmittel Boden" und die lokalen Konflikte
Die Polarisierung zwischen Rekultivierung und Renaturierung schlägt sich für den Landwirtschaftsbetrieb in einem handfesten lokalen Verteilungskampf nieder. Zentraler Streitpunkt ist die Veräußerung umfangreicher Flächen an die Heinz-Sielmann-Stiftung, zu denen auch 184 ha in der Tornower Niederung gehören, die jetzt "unter Wasser gehen". Diese Flächen hatte Sawade gepachtet, außerdem hatte er weitere zum Kauf beantragt. Sie gingen nun an die Stiftung, in einem für Sawade schwer verständlichen Zuschnitt. Für die verloren gegangenen Pachtflächen erhielt Sawade an anderer Stelle Ausgleich, "allerdings bis auf 26 ha, die fehlen bis heute und die will ich auch haben!" Der gesamte Vorgang st in Sawades Augen unerfreulich, weil Akteure, die sich seit Jahrzehnten um die Flächen gekümmert haben ("Hier haben die Leute seit Jahren Steine gesammelt!") nicht in die Entscheidungen einbezogen waren. In Gremien wie dem Arbeitskreis Schlabendorfer Felder ist Sawade zwar für den Bauernverband tätig, jedoch sieht er hier keine Chance, auf die Praxis der Flächenveräußerung Einfluss zu nehmen. "Der Boden, haben wir mal gelernt, ist das Hauptproduktionsmittel, und deshalb kämpfe ich auch darum." Wer immer meint, Bergbaufolgeland sei Land ohne Nutzungsressourcen wird in Groß Jehser eines Besseren belehrt.


In der Tornower Niederung bewirtschaftete Sawade jahrelang Rekultivierungsflächen. Sie gehen nun an die Heinz-Sielmann-Stiftung über. Außerdem wurden zum Sanierungsabschluss Sprengverdichtungen vorgenommen.


Ausblick
Der Landwirtschaftsbetrieb Zinnitz-Groß Jehser ist auf ein langfristiges Bewirtschaften der Bergbaufolgelandschaft eingestellt. Wolfgang Sawade ist ein Akteur mit Idealismus, der sich die Rekultivierung zur Lebensaufgabe gemacht hat. Im öffentlichen Raum, in der Presse und bei Treffen mit Landespolitikern tritt er daher immer deutlich als Anwalt dieser Nutzungsinteressen auf. Sawade steht in einem engen lokalen Netzwerk, sowohl der langjähriger Revierförster von Groß Beuchow und Gründer des Naturlehrpfades Luttchensberg als auch viele andere lokale Akteure gehören zu seinen Partnern. (Mithilfe der Betriebstechnik sind z.B. die Findlinge des Luttchensberges bewegt worden, auf einigen Flächen des Betriebes steht im Winter 2005 die Schafherde aus Görlsdorf.) Dieses lokale, auf Kooperation und Verständigung gerichtete Herangehen vertritt Sawade für die Entwicklung der Bergbaufolgelandschaft vehement.
Zentral ist, dass der Betrieb in der Bergbaufolgelandschaft trotz geringerer Erträge und schwieriger Bodenbearbeitungsbedingungen eine existenzielle Produktionsgrundlage gefunden hat, die nicht substituierbar ist.


Blick in den modernen Rinderstall in Groß Jehser. Die Investition gehört zu den wenigen, die Sawade nicht in den Boden gesteckt hat.

 
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