Landschaftswerkstatt

Von der Kohle an den Strand - Schlabendorf und seine Zukunft am See

Blick auf Schlabendorf, im Vordergrund der entstehende Schlabendorfer See


Steckbriefe:
Klaus Hennig ist 62 Jahre alt und in Schlabendorf geboren und aufgewachsen, seine Eltern hatten hier eine Landwirtschaft. Sein beruflicher Werdegang war von der Kohle bestimmt: Hennig wurde Gleisbauarbeiter im Braunkohletagebau, stationär im Raum Kittlitz, Schlabendorf Süd und Jänschwalde beschäftigt. Diese Tätigkeit übte er bis 1996 aus, dann ging er in den Vorruhestand, seit 2002 ist er in Rente.
Sein Bürgermeisteramt geht auf ein längeres Engagement seit der Wende zurück - zunächst war er als Gemeindevertreter stellvertretender Bürgermeister, rückte dann nach, als der bis dahin amtierende Bürgermeister 1997 sein Amt aufgab und wurde 1998 ordentlich gewählt. Dabei spielte eine Rolle, dass ihm im Dorf ohnehin Vertrauen entgegen gebracht wird und er als Ruheständler Zeit hat, sich zu kümmern.

Klaus Hennig, Bürgermeister von Schlabendorf


Olaf Gerber ist Mitte Vierzig und arbeitet beim staatlichen Bergamt in Cottbus. Er stammt aus Dortmund und war zur Wendezeit beim staatlichen Bergamt in NRW tätig, von wo er als junger Beamter erst als "Aufbauhelfer" in die FNL geschickt wurde und sich später entschied, gemeinsam mit seiner Frau ganz in den Osten zu ziehen. Die beiden kauften von der LMBV ein Neubauernhaus in Schlabendorf und sanierten es. Familie Gerber hat fünf Kinder. Dass Gerber beim Bergamt arbeitet und somit "vom Fach" ist, war für sein Engagement für die Zukunft der Gemeinde nicht ausschlaggebend, dieses entspringt allein seinem Interesse als Bürger Schlabendorfs.

Olaf Gerber,
Sprecher des Arbeitskreises "Schlabendorf am See"


Schlabendorf und die Kohle:
Schlabendorf war jahrzehntelang ein todgeweihtes Dorf. Bereits in den fünfziger Jahren wurde entschieden, dass es im Tagebau "Schlabendorf Mitte" überbaggert werden würde, seit 1958 fiel es unter das Bergrecht und erhielt einen vollständigen Baustopp: Neubauten waren nicht gestattet, an den Häusern durften nur Reparaturen vorgenommen werden, die zunehmend unterblieben, da es nicht mehr zu lohnen schien. Hennig: "Am Ende hat keener mehr sein Dach gemacht." In der ganzen Region wurden Dörfer abgebaggert, an Schlabendorf selbst fraßen sich die Tagebaue Schlabendorf Nord, anschließen Süd heran - heute steht das Dorf an schroffen Restlochklippen, die einen selten eindeutigen Kontrast mit seiner gewachsenen Agrarstruktur bilden. 1990 sollte dann der Tagebau "Schlabendorf Mitte" endgültig das Dorf selbst verdrängen. Die Wende kam dazwischen. Die LPG wurde aufgelöst und ihre Ställe abgerissen.

Nach Hennig war die Abrisserwartung für die Schlabendorfer kein besonderer Schrecken, man hatte sich durch die lange Perspektive daran gewöhnt, der Ortsteil Presenchen (60 Einwohner) war immerhin schon weg: das eigene Schicksal hatte man stets vor Augen. 1989/90 waren bereits viele Einwohner ausgezogen, die LAUBAG versprach neue Einfamilienhäuser. Auch Hennigs, von deren drei Kindern noch ein Sohn bei ihnen wohnte, stellten sich auf einen Wegzug ein. Als die Pläne zur Abbaggerung dann 1990 fallen gelassen wurden, "sagte meine Frau, wenn Schlabendorf bleibt, gehn wir auch nicht weg."

Trotz des Abraumstopps hielt die LAUBAG Wort und ersetzte die verlassenen Häuser durch neue an anderer Stelle; auch jene, die noch nicht ausgezogen waren, konnten wählen, ob sie ein neues Haus wollten. Somit stand Anfang der neunziger Jahre ein bedeutender Teil der Häuser leer, die von der LAUBAG dann an neue Eigentümer verkauft wurden. Dadurch kam es zu einem Zuzug überwiegend junger Familien, zu denen auch die Gerbers gehörten. Auf diese Weise weist Schlabendorf inzwischen einen deutlich günstigeren Altersdurchschnitt auf, als vergleichbare Dörfer. Hennig: "Wenn meine Frau Abends nicht einschlafen kann, zählt sie immer was, neulich hat sie gezählt, dass wir hier siebzig Kinder haben, in Schlabendorf." Bei einer Einwohnerzahl von 300 (Amt Luckau, August 2004) ist dieses Verhältnis ungewöhnlich. Einen Kindergarten gibt es trotzdem nicht mehr, Kindertagesstätten befinden sich in Zinnitz, Görlsdorf und Luckau. "Die meisten bringen ihre Kinder dorthin, wo sie Arbeit haben."

Aufgelassene landwirtschaftliche Anlagen in Schlabendorf.


Dem schlechten Sanierungsstand der Häuser wurde durch eine üppige Investitionsbeihilfe des Landkreises Anfang der neunziger Jahre weitgehend abgeholfen. "Damals hat jeder sein Dach gemacht." Das übrige Geld habe man angelegt und nach und nach in die Infrastruktur, vornehmlich im Straßenbau, gesteckt.

Hennig spricht kaum über besondere Erinnerungen an die Landschaft vor der Braunkohle. Lediglich die Wuderitz, der "Ottergraben" entlockt ihm einige bildhafte Beschreibungen. Dieses Fließ war vor dem Tagebau eine aktive Quelle (ähnlich dem Lorenzgraben), diente dann zur Ableitung des Grundwassers und fiel dann nach dem Abriss und der Sprengung der Förderbrücke trocken, wodurch der Dorfteich nicht mehr mit Wasser versorgt wird. Eine Wiederbelebung des Fließes, so scheint es, würde ein Stück Heimat wieder herstellen. Dies ist allerdings auch ein praktisches Problem, denn gegenwärtig wird der Dorfteich durch Einleitung von Grundwasser, das zuvor in einer Reinigungsanlage aufbereitet wird, gespeist. "Früher gab es hier Fische, heute nicht mal mehr einen Frosch." Die Grundwasserreinigungsanlage habe nicht funktioniert, nun solle die Wuderitz mit Spreewasser versorgt werden. Durch die turbulenten Grundwasserverhältnisse "sind hier viele Bäume kaputtgegangen." So ist z.B. durch die Trockenheit das letzte Stück des alten Schlabendorfer Gutsparkes geschädigt und darin stehende alte Eichen sind abgestorben. "Die Naturschützer freuen sich, dass der Eichbock drin ist." Man überlege, ob man die Bäume evtl. auch nach ihrem Absterben als Denkmal stehen lassen könne. "Aber wie das gehen soll, weiß ich auch nicht." meint Hennig.

Die Reste des alten Gutsparks wirken durch die abgestorbenen Bäume heute monumental. Die Schlabendorfer wünschen sich eine Sanierung und Integration des Elements in die zukünftige Naherholungsstruktur.


Schlabendorf kommunal
Während sich Schlabendorf in Bezug auf die Bergbaufolgeperspektiven erst relativ spät in Stellung gebracht hat, hat sich das Dorf nach 1989 erst einmal als Gemeinde reorganisiert. In einer verlassenen Schule wurde ein Kulturzentrum ausgebaut, in dem sich auch das Büro des Ortsbürgermeisters befindet. Es würde gut genutzt. In einer eigens eingerichteten Heimatstube sammelt man "alte Sachen von Schlabendorf", die die Einwohner dort abgeben. Ein Ortsverein hat inzwischen die Trägerschaft für das Objekt übernommen, wobei er eine Starthilfe durch die Gemeinde bekommt, die in den ersten beiden Jahren noch die Betriebskosten übernimmt, wogegen der Verein bereits die Einnahmen für sich verbuchen kann.

Viel Kraft ist in den Kampf gegen die Eingemeindung in die Stadt Luckau geflossen. Während Fürstlich Drehna das Kopfgeld wollte und freiwillig beitrat, hat Schlabendorf gegen die Eingemeindung geklagt. Das Verfahren läuft noch, Chancen malt sich Hennig kaum aus. "Wir werden von Luckau nicht schlecht verwaltet, aber für die Eingemeindung gab es keinen Grund. Wir hatten alles in Ordnung, die Straßen waren gemacht, die Häuser in Ordnung, einige hatte auch die LMBV repariert."

Zur Zukunft des Ortes in der Bergbaufolgelandschaft
hat sich erst im vergangenen Jahr eine Arbeitsgruppe in der Gemeinde gebildet, zu der auch Olaf Gerber gehört, um die Vorstellungen und Interessen des Dorfes gegenüber der Planung und der LMBV zu artikulieren. Auslöser für die plötzliche Beschäftigung mit der eigenen Zukunft im Angesicht der neu entstehenden Landschaft war die Veräußerung der angrenzenden Flächen durch die LMBV im Jahre 2002. Damals kaufte die Gemeinde mit ihren letzten Mitteln aus dem warmen Regen der neunziger Jahre einen Teil des entstehenden Schlabendorfer Sees - für 100.000 € erwarb sie 217 ha, von denen 187 ha zukünftige Seefläche sind. Hintergrund war die vorangegangene Privatisierung des Stoßdorfer Sees - "Da waren wir eigentlich dagegen." Weil sich dieses Problem nun unmittelbar vor der eigenen Haustür zu wiederholen drohte, entschloss man sich zum Kauf, der vor allem deshalb zügig vonstatten ging, weil die LMBV das Objekt nicht ausschreiben musste.

Die Bäckerei in Schlabendorf bietet eine Grundversorgung mit Lebensmitteln und hat zugleich einen Pensionsbetrieb.


Der "Arbeitskreis Schlabendorf am See" ist zwar eine lose Bildung, hat sich jedoch in kurzer Zeit Anerkennung bei den kommunalen Institutionen erworben. Die Gruppe verfasste 2003 ein Papier, in dem die Ansprüche und Anliegen an die Sanierung und Gestaltung des Schlabendorfer Sees artikuliert werden und sandte es an die IBA, die LMBV, das Amt und die Planungsbehörden. Hennig: "Wir wollen an dem See, der sich bildet, sanften Tourismus, also keine Motorboote, sondern Baden, Segeln, Surfen und Angeln." Die Reaktionen der angesprochenen Institutionen seien grundsätzlich positiv gewesen. Außerdem versuchten die Schlabendorfer, "die IBA für ein gemeinsames Projekt ins Boot zu ziehen." Eine Idee ist die Einrichtung einer solargetriebenen Fähre, die zwischen Schlabendorf und dem Sielmannstützpunkt Wanninchen verkehren soll. Diese könnte die Radwege entlang des Sees miteinander verbinden.

Eine andere Idee ist das "Aquapolis", eine Plattform auf dem Wasser, an der Stelle des überbaggerten Ortsteils Presenchen, an der Boote anlegen könnten, die aber auch vom Land aus begehbar sein müsse - dort könne eine Ausstellung stattfinden, die wiederum eine Verbindung zum Sielmannprojekt schaffen könne. Mit einer begehbaren Röhre, die in das Wasser reicht, könne man den Wandel der Landschaft unter und über Wasser erlebbar machen. Auch die Anlage eines Bootssteges sei gegenwärtig noch leicht möglich: ein paar Betonstelen in die Erde gerammt und man hätte für das Ansteigen des Wassers vorgesorgt.
Ein weiterer Anstoß ergibt sich aus einem Element des Dorfes selbst: hier gibt es eine alte Gastwirtschaft, ein stolzes Eckgebäude, das leer steht und von der LMBV an eine Hamburgerin versteigert wurde: "Zur Deutschen Flotte". Der Name sei zu DDR-Zeiten immer wieder übermalt worden, jedoch stets neu erschienen (er ist auch gegenwärtig gut lesbar).

Unter den neuen Bedingungen - ein Ort am Wasser - wäre es plausibel, diesen Gasthof in die Planungen einzubeziehen und durch einen Stichgraben mit dem Wasser zu verbinden. Das sei aber wahrscheinlich nicht durchsetzbar, weil die Leute dann von ihren Grundstücken etwas abgeben müssten. "Dabei würden sie etwas gewinnen, denn die Grundstücke würden ja viel attraktiver." Außerdem wäre es nötig, mit der Besitzerin aus Hamburg Kontakt aufzunehmen, die den geplanten Ausbau wegen starker Denkmalschutzauflagen fallen gelassen hatte. Ein hinter dem Schlosspark gelegener rechteckiger Löschteich könnte evtl. als Hafen erweitert werden. Etwas abgelegen von Schlabendorf soll ein Campingplatz eingerichtet werden.

Der Gasthof zur Deutschen Flotte könnte erstmals in seiner Geschichte an ein Gewässer geführt werden.


Ursprünglich hatte Olaf Gerber vorgehabt, sich nach der Formulierung des Papiers "Seegemeinde Schlabendorf" wieder aus dem Prozess zurückzuziehen. Da die Reaktionen auf das Papier sehr positiv ausfielen und daraufhin aber nichts passierte, habe er gemerkt, dass er nachlegen müsse. So sei er inzwischen sehr stark in die Aktivitäten involviert.

Die Zeit wird knapp
Gegenwärtig versuchen die Schlabendorfer auszuloten, was aus der LMBV an Startinvestitionen herauszuholen ist. Hennig: "Man muss sehen, was die LMBV dazu sagt, was machbar ist." In Groß Räschen zeige die LMBV auch großes Engagement, dort sei die Sanierung noch längst nicht abgeschlossen. Auf jeden Fall gelänge es hin und wieder, mit einzelnen Anliegen durchzukommen. So sollte die umlaufende Seestraße (als Rad- und Skaterweg konzipiert) bei Schlabendorf eine Schwarzdecke erhalten. "Wir wollten aber keine Schwarzdecke, jetzt ist der Kompromiss, dass roter oder grauer Split aufgewalzt wird."

Die neuen Aussichten als Seegemeinde werden bereits jetzt in Schlabendorf stark gemacht - hier bei der Umbenennung sämtlicher Straßen des Ortes.


Bei der planerischen Artikulierung ihrer entsprechenden Vorschläge wurden die Schlabendorfer von einem eigens von der LMBV beauftragten Berliner Planungsbüro unterstützt: "Thales Information Systems" (vgl. den entsprechenden Beitrag unter "Planung"). Grundsätzlich ist Hennig ein gewisser Zeitdruck bewusst, da mit dem Ende des Engagements der LMBV viele Möglichkeiten wahrscheinlich unwiederbringlich verloren gehen. "Was passiert, wenn die LMBV aus der Pflicht genommen ist, weiß man nicht." Auch Olaf Gerber sieht ein großes Zeitproblem für den Ort Schlabendorf, dass daraus resultiere, dass die Potenziale des Dorfes über Jahre gar nicht erkannt und genutzt wurden: der Ort liegt direkt an dem sich bildenden großen See und er befindet sich sehr nahe an der Autobahn und liegt somit in Stundenentfernung zu Dresden und Berlin, in Halbstundenentfernung zu Cottbus. Indem diese Bedingungen übersehen worden seien, wäre eine Reihe von Fehlentscheidungen getroffen worden - z.B. seien Objekte an privat verkauft oder abgerissen worden, die heute für eine Entwicklung des Ortes dringend benötigt würden - etwa die Rudimente des Schlosses (heute ein Wohnhaus) und das Gärtnerhaus (in der Wendezeit abgerissen).

"Die Sanierungsplanung für Schlabendorf kommt uns grundsätzlich entgegen, das müssen wir nutzen. Da steht zum Beispiel eindeutig drin: Der Schlosspark ist zu sanieren." Der Park müsse als Scharnier zum See fungieren. Mit einem ABM-Projekt sei die Fläche, von dem nur noch ein Drittel erhalten sei, begehbar gemacht worden, aber der Weg sei wegen der vielen toten Bäume und Äste gefährlich. Außerdem wünscht sich Gerber eine Entwicklung als Seepark. Ringsum läuft ein Wassergraben (Seitenarm der Wuderitz) der z.Z. sehr stark eisenhaltiges Wasser führt. Bei all den Bemühungen um eine Entwicklung des Sees als Erholungsziel sei es wichtig, Ort und See ineinander zu integrieren und Verbindungen zu schaffen, "damit die Entwicklung nicht an Schlabendorf vorbeigeht".

Am Abend breitet sich am Schlabendorfer See manchmal schon ein zartes Flair aus, dass die neuen landschaftlichen Möglichkeiten des Ortes ahnen lässt.


Die Gemeinde wird - das ist bereits jetzt allen klar - den See dermaleinst nicht alleine bewirtschaften können. Daran könnte vielleicht einmal ein sich niederlassender Campingplatzinhaber beteiligt werden, auch die Stadt Luckau hat grundsätzlich Interesse an einer Mitgestaltung und -verantwortung.

Ausblick
Der Ort Schlabendorf hat einige Zeit benötigt, um sich seiner neuen Möglichkeiten nach dem jahrelangen Verweilen auf der Bergbauliste bewusst zu werden. Dabei gehen seine Akteure mit einer wenig frustrierten Haltung zu Werke. Die Mentalität, die daraus erwächst, ist offen und inspiriert. Der Schlabendorfer See verbreitet in der Ortschaft bereits ein eigenwilliges Flair - sie wird sich in den nächsten Jahren drastisch verändern.

Kontakt:
Olaf Gerber
Telefon: 035 439 - 359

 

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