
Michael Elmer, Manfred Wanner und Willi E.R. Xylander
Ehemalige Tagebaue sind als große, unzerschnittene und nährstoffarme Landschaftsausschnitte von besonders hohem naturschutzfachlichem Wert, da sie aus einem Mosaik von aquatischen und terrestrischen Standorten zusammengesetzt sind. Davon profitieren vor allem die Spezialisten (stenotope Arten) sandiger, trockener und warmer Habitate, deren natürliche Lebensräume durch die weitgehende Entdynamisierung der Landschaft in Mitteleuropa selten geworden sind. Deshalb ist die Bergbaufolgelandschaft (BFL) ein wichtiger Refugial-Lebensraum für gefährdete Tiere und Pflanzen in Mitteleuropa.
Nach dem Ende der Bergbauaktivität entwickeln sich diese Lebensräume ohne Eingriff des Menschen im Zuge einer natürlichen Sukzession über eine Vergrasung und eine Verbuschung hin zu Waldlandschaften. Folge ist das Verschwinden stenotoper Arten und somit ein Rückgang der Biodiversität. Im Hinblick auf die naturschutzfachliche Planung für die BFL stellt sich die Frage, ob diese Lebensräume durch menschliche Eingriffe „offen“ gehalten und dadurch seltene und gefährdete Arten geschützt werden sollen, oder, ob die Standorte großflächig einer natürlichen Sukzession überlassen werden sollen, um die Entwicklung der natürlichen ökosystemaren Prozesse zu gewährleisten.
Die BFL zeichnet sich durch Charakteristika aus, die heute im dichtbesiedelten Mitteleuropa selten geworden sind. Die ehemaligen Tagebaue sind verhältnismäßig groß und dazu kaum durch Straßen, Bahnstrecken, Kanäle oder andere lineare anthropogene Strukturen zerschnitten. Dadurch werden Arten gefördert, für die solche Strukturen eine Barriere bei der Ausbreitung und für den genetischen Austausch innerhalb der und zwischen den Populationen sind. Aufgrund des geringen Anteils von Siedlungsflächen weist die BFL dazu nur sehr wenige versiegelte Bereiche auf.
Die Böden in der BFL der Niederlausitz sind nährstoffarm, vor allem dann, wenn tertiäres Substrat an der Oberfläche abgelagert wird. Da sie dazu sowohl substratbedingt (vorzugsweise Sand) als auch durch die geringen Niederschläge in der Region für deutsche Verhältnisse außergewöhnlich trocken sind, werden sie landwirtschaftlich kaum genutzt. Dadurch fehlen – mit Ausnahme der Grundmelioration – der außerhalb der BFL häufige Einsatz mineralischer Dünger und die Anwendung von Pestiziden großflächig.
Weiterhin weisen rekultivierte Tagebaue eine hohe strukturelle Vielfalt auf: in Bezug auf die Vegetationsstruktur, die Bodenfeuchte, das Flächenalter, die Substratqualität, die Reliefenergie wie auch die Nutzungsintensität. Hinzu kommt die hohe Dynamik der Landschaft – z.B. durch den zum Teil lang andauernden Rekultivierungsprozess. Somit zeichnet sich die BFL zeitlich und räumlich durch eine große Vielfalt an Lebensräumen aus, die in Mitteleuropa nur noch selten anzutreffen ist.
In der mitteleuropäischen Naturlandschaft dominierten Wälder. Daneben gab es eine Vielfalt anderer Landschaftstypen, die zum Teil durch natürliche Katastrophen bedingt waren und eine räumliche und zeitliche Vielfalt schafften, die sich durch die natürliche Entwicklung ökosystemarer Prozesse wieder dem Klimaxstadium der Waldlandschaften Mitteleuropas anglichen. In den letzten zweitausend Jahren entstanden durch anthropogene Nutzung zahlreiche offene und nährstoffarme Flächen.
Durch den Einsatz von Kunstdünger und die modernen Formen der Landwirtschaft, aber auch durch die nachhaltige Aufforstung der Wälder vor dem Hintergrund der späteren Holznutzung, oder auch durch Flussbegradigungen, Waldbrandbekämpfung sowie die Stabilisierung von Hanglagen sind nährstoffarme Offenlandflächen zunehmend seltener geworden. Gleichzeitig gibt es in Deutschland kaum größere Landschaftsausschnitte, die als natürlich oder einer langfristigen natürlichen Entwicklung überlassen bezeichnet werden können. Deshalb sind die neu geschaffenen "Flächen aus zweiter Hand" in der BFL naturschutzfachlich von großer Bedeutung für den Naturschutz.
Seit Mitte der 90er Jahre hat sich eine stabile Population von Wölfen in der Lausitz etabliert, vor allem auf Truppenübungsplätzen jedoch auch in der BFL. Denn Wölfe benötigen große, kaum zerschnittene Gebiete – Wälder und Offenland – mit ausreichender Nahrungsgrundlage. Seit dem Jahr 2000 haben sie sich dort durchgehend reproduziert, zum ersten Mal seit mehr als 100 Jahren.
Etwa 200 Vogelarten sind für die BFL nachgewiesen worden, davon mehr als 100 mit einem Brutnachweis; etwa 35 von ihnen sind selten oder gefährdet. Diese haben sehr unterschiedliche Ansprüche an ihren Lebensraum: Es finden sich Arten offener Habitate (z.B. Braunkehlchen, Brachpieper, Rebhuhn, Steinschmätzer), halboffener Landschaftsausschnitte (z.B. Neuntöter) oder Wälder (z.B. Schwarzstorch) wie auch von Wasserflächen und deren Ufer (z.B. Zwergtaucher, Drosselrohrsänger, Schwarzkehlchen). Darüber hinaus sind viele Vogelarten der BFL nur in einem begrenzten Zeitraum im Jahr anzutreffen, etwa während des Zuges oder zur Überwinterung.
Zahlreiche gefährdete Amphibien besiedeln ebenfalls die BFL, davon drei mit ausgesprochener Präferenz dieser Gebiete: die Wechselkröte, die Kreuzkröte und die Knoblauchkröte. Sie sind Pionierarten und bevorzugen trockene Habitate, Bodenverwundungen und grasartige Vegetation. Während die Wechselkröte jedoch frühe Sukzessionsstadien mit spärlicher Vegetationsdecke sowie Seen und Teiche besiedelt, bevorzugt die Kreuzkröte kleine, flache und sonnenexponierte Gewässer, die regelmäßig austrocknen. Die Knoblauchkröte ist dagegen auf flache Gewässer mit gut ausgeprägter Unterwasservegetation angewiesen.
Last but not least die Insekten, für die ehemalige Tagebaue als ‚hot-spot’ in Mitteleuropa bezeichnet werden können. So sind dort viele Libellen beheimatet, da verschiedene aquatische und semi-aquatische Lebensräume mit einem Mosaik aus unterschiedlichen terrestrischen Sukzessionsstadien kombiniert sind. Wichtige Faktoren sind vielfältige physiko-chemische Eigenschaften der Gewässer, das oftmalige Fehlen von Fischen als mögliche Räuber, sonnenexponierte Uferbereiche sowie vertikale Vegetationsstrukturen am Rand der Gewässer. Die gleiche Vielfalt ist für die terrestrischen Gruppen der Laufkäfer und Heuschrecken nachgewiesen: hohe Artenzahlen bei großem Anteil gefährdeter oder seltener Arten.
Nach dem Ende des Braunkohleabbaus seit Beginn der 1990er Jahre dominierte eine einseitig ausgerichtete Landschaftsentwicklung: Der Anteil früher Sukzessionsstadien wurde zunehmend geringer, da anthropogene Eingriffe in die natürliche Entwicklung signifikant zurückgingen. Folgen waren der Rückgang und die zunehmende Gefährdung der auf diese Lebensräume spezialisierten und angewiesenen Arten. Mit der Entwicklung über verbuschte Stadien hin zu Wäldern werden sie von den stenotopen Arten dieser neuen Habitate bzw. von „Allerweltsarten“ (Ubiquisten) verdrängt. Das naturschutzfachliche Ziel, in der BFL großflächig eine langfristige natürliche Entwicklung zu ermöglichen, unterstützt dies. Wenn die gefährdeten Arten offener Lebensräume erhalten werden sollen, müssen Managementstrategien entwickelt werden, die deren Lebensräume immer wieder neu schaffen.
Auf der anderen Seite ist natürliche Sukzession mit großer räumlicher Ausdehnung äußerst selten in Mitteleuropa und damit die an sie gebundenen Arten und ökologischen Prozesse. Dadurch entsteht ein naturschutzfachlicher Zielkonflikt zwischen dem Artenschutz einerseits und dem Schutz einer natürlichen Entwicklung ohne jeglichen Eingriff des Menschen andererseits (Abb. 1). Aufgabe der naturschutzfachlichen Planung in der Bergbaufolgelandschaft sollte es daher sein, diesen Konflikt aufzulösen – durch die Kombination von Kernflächen ohne jegliche Nutzung mit Bereichen, in denen aktives Management bewusst Lebensräume für die gefährdeten Spezialisten schafft.
