Landschaftswerkstatt

Die Vegetation der Niederlausitzer Bergbaufolgelandschaft
trostlose Einöde oder faszinierendes Objekt für die Forschung?

Trotz der enormen Verwüstungen, die durch den jahrzehntelangen Abbau der Braunkohle entstanden sind, entwickelt sich nach Beendigung der Tagebaue eine vielfältige Landschaft, die der neu entstehenden Landschaft ein ganz besonderes, in Teilen einzigartiges Gepräge gibt. Nach Beendigung des Braunkohleabbaus wurden große Bereiche der Kippenflächen unter Einsatz erheblicher Kosten saniert. Hierbei ging es zunächst um die ingenieurstechnische Sicherung der Flächen, d.h. um die Beseitigung von Gefährdungspotentialen wie z.B. rutschungsgefährdeten Böschungen.
Anschließend wurde durch Rekultivierungsmaßnahmen versucht, einen Teil der zerstörten Landschaft im Sinne einer lausitztypischen, vielfältig nutzbaren Bergbaufolgelandschaft wieder herzustellen. Im Zuge der damit verbundenen Maßnahmen entstanden Forsten und verschiedene landwirtschaftliche Flächen. Andere, kleinere Bereiche wurden aus naturschutzfachlichen Gründen ihrer natürlichen Entwicklung überlassen und entwickeln sich weitestgehend ohne direktes Zutun des Menschen. Hier kann es lange Zeit dauern, bis es zu einer sichtbaren Wiederbesiedlung durch die Vegetation kommt (vgl. Abb. 1).


Vegetationsfreie Bergbaufolgelandschaft im ehemaligen Tagebau Schlabendorf-Süd

Abb. 1: Vegetationsfreie Bergbaufolgelandschaft im ehemaligen Tagebau Schlabendorf-Süd
(Januar 2007)

Weitere Flächen wurden nach ihrer Sanierung hingegen lediglich mit einer einmaligen Düngung und Ansaat versehen, um sie festzulegen und damit eine weitere Bewegung des Bodens zu verhindern. Nach Abschluss der Arbeiten sind sie fortan dem freien Spiel der natürlichen Kräfte ausgesetzt (s. Abb. 4).

Die Vegetation der ehemaligen Tagebaue setzt sich dementsprechend aus verschiedenen Vegetationstypen zusammen, die von künstlichen Anpflanzungen und Ansaaten bis hin natürlich besiedelten Flächen reichen. Oft kommt es dabei zu wechselseitigen Durchdringungen und Beeinflussungen der künstlich begründeten und der natürlichen
Vegetation.

Aufgrund der vielfach harschen Umweltbedingungen sind bei der natürlichen Besiedelung, aber auch auf den angesäten Flächen zunächst nur einige Arten längerfristig in der Lage, die Landschaft zu kolonisieren. Extreme Bodenverhältnisse, charakterisiert durch zeitweilig große Trockenheit, Nährstoffarmut, ein hohes Säurepotential sowie starke Temperaturschwankungen lassen nur wenige Pflanzen an geeigneten Stellen auf Dauer überleben (s. Abb. 2). Durch die zudem sehr kleinteilig wechselnden Bedingungen des Bodens und des Reliefs entstehen mosaikartige Strukturen, die sich in unterschiedlichen Pflanzenbildern und Artenzusammensetzungen widerspiegeln.


Silbergras

Abb. 2: In einer Mulde konnte sich das Silbergras (Corynephorus canescens), eine typische
Pionierpflanze, ansiedeln. An diesem geschützten Ort profitiert es von dem sich hier
sammelnden Wasser und Nährstoffen

Aber nicht nur die Umweltbedingungen entscheiden darüber, welche Arten sich anzusiedeln vermögen. Ganz entscheidend ist dabei generell, welche Quellen zur Verfügung stehen. Denn nur die Arten haben überhaupt eine potentielle Chance der künftigen Besiedelung, welche die Flächen auch erreichen können. Deshalb kommt der näheren Umgebung der Rekultivierungsflächen gerade in den frühen Stadien der pflanzlichen Wiederbesiedlung eine nicht unerhebliche Rolle zu.
Auf diese Weise entstehen individuelle Pflanzenzusammensetzungen, die mit denen außerhalb der Bergbaufolgelandschaften sowie anderer Tagebaue oftmals nur bedingt vergleichbar sind. Bergbaufolgelandschaften sind somit durch eine eigene Pflanzenzusammensetzung charakterisiert, die zudem durch eine starke Dynamik gekennzeichnet sind und sich dadurch in ihrer Zusammensetzung und ihrem Aussehen rasch ändern können. Die Dynamik wird durch die in Teilen der Bergbaufolgelandschaft seit wenigen Jahren zum wiederholten Male stattfindenden Sanierungsmaßnahmen sowie das steigende Grundwasser verstärkt. Innerhalb kurzer Zeit werden wie auf Abbildung 3 eindrucksvoll zu sehen ist, Kiefernforsten, die im Rahmen der vor ca. 15 Jahren durchgeführten Rekultivierungsmaßnahmen begründet wurden, von dem ansteigenden Wasser vernichtet.


In Teilen abgestorbener Kiefernforst in Schlabendorf Nord

Abb. 3: In Teilen abgestorbener Kiefernforst in Schlabendorf Nord, der durch ansteigendes
Grundwasser langsam versinkt (Januar 2007)

Eine weitere Triebkraft der Dynamik stellen Wildtiere dar, die die neu entstehenden Landschaften besiedeln. Insbesondere Wildschweine können durch ihre auf großen Flächen ausgeübten Wühltätigkeiten kurzfristig für erhebliche Veränderungen der Vegetation sorgen (vgl. den Beitrag von Petra Denkinger ).
<<< Vegetationskundliche Untersuchungen, Petra Denkinger

Zusammengefasst sind also nicht nur die Umweltbedingungen und die Eigenschaften der Pflanzenarten für die vegetabile Zusammensetzung der einzelnen Tagebaue entscheidend, sondern auch zufällige Ereignisse wie die jeweilige Historie in Form der verwendeten Ansaaten und Anpflanzungen sowie die umgebenden Landschaften mit den potentiell für die Wiederbesiedlung verfügbaren Pflanzen.

Die im Laufe der Jahrzehnte für die Aufforstung der Kippen verwendeten Baumarten waren bestimmten Vorlieben unterworfen, so dass in diesem Zusammenhang von einer „Birkenzeit“, „Kiefernzeit“ oder „Roteichenzeit“ gesprochen wird. Sie prägen heute noch das Landschaftsbild und beeinflussen durch ihre weitere Ausbreitung auch bisher nicht von ihnen besiedelte Gebiete. Dies lässt sich eindrucksvoll am Beispiel der Kiefer im ehemaligen Tagebau Schlabendorf-Süd erkennen. Hier vermochte sie sich innerhalb weniger Jahre von ihren forstlich begründeten Standorten auf bisher unbesiedelte Standorte auszubreiten. Da ihre Samen leicht mit dem Wind verbreitet werden, ist sie in der Lage auch größere Distanzen zu überwinden. Auf diese Weise verändert die Kiefer in wenigen Jahren das Bild der ehemals weiten, offenen Landschaft hin zu einem zunächst savannenartigen Typus, der durch einzelne verstreute Bäume mit Graswuchs darunter charakterisiert ist (Abb. 3).


Kiefern (Pinus sylvestris)

Abb. 4: Kiefern (Pinus sylvestris) besiedeln als erste Gehölze eine seit ca. 10 Jahren der
natürlichen Entwicklung überlassene Fläche in Schlabendorf-Süd. Durch den Wiederanstieg
des Grundwassers hat sich ein Gewässer gebildet (Januar 2007)

Für die Wissenschaft bieten besonders die nicht rekultivierten Flächen die nahezu einmalige Chance in Mitteleuropa, die Wiederbesiedelung einer im weitesten Sinne vegetationslosen Fläche zu studieren. Diese Primärsukzession genannte Entwicklung zeichnet sich dadurch aus, dass zu Beginn keinerlei pflanzliches Leben vorhanden ist, auch nicht in Form von Samen oder Sporen, die im Boden quasi als stille Reserve auf eine Gelegenheit zum Keimen warten. Solche Verhältnisse „einer Stunde Null“ sind normalerweise z.B. nur auf durch Vulkanausbrüche völlig zerstörten oder neu entstandenen Flächen anzutreffen.

Seit 1995 wird deshalb die Entwicklung der Vegetation der Niederlausitzer Bergbaufolgelandschaften vom Lehrstuhl Allgemeine Ökologie der BTU Cottbus untersucht. Durch die Aufarbeitung und Auswertung des während dieser Zeit gesammelten Datenmaterials soll untersucht werden, ob sich die Vegetationsentwicklung der Schlabendorfer Felder soweit erklären lässt, dass eine Prognose für ihre Weiterentwicklung unter bestimmten ökologischen und sozioökonomischen Rahmenbedingungen gestellt werden kann. In loser Folge werden die Ergebnisse dieser Untersuchungen während der Projektlaufzeit von 2007 bis 2010 präsentiert.

Dr. Tim Peschel
Bearbeiter des Teilprojekts Vegetationsentwicklung für die Projektphase 2007-2010

tim.peschel@tu-cottbus.de

 

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