Landschaftswerkstatt

Wald und Forstwirtschaft in der Bergbaufolgelandschaft

Michael Elmer

 

Die Wiedernutzbarmachung schwefelhaltiger Kippböden erfolgt entweder durch das Auftragen einer kulturfähigen Bodenschicht von mindestens 100 cm Mächtigkeit oder durch Grundmelioration. Die Grundmelioration hat das Ziel, die aus der Pyritverwitterung stammenden Aziditätsverhältnisse der schwefelhaltigen Substrate zu verbessern und die Nährstoffverhältnisse so zu beeinflussen, dass die folgende Rekultivierung erfolgreich durchgeführt werden kann. Der dafür notwendige Kalkbedarf wird aus der Säure-Basen-Bilanz ermittelt. Bei der Grunddüngung kommt der Auffüllung der Kalium-, Magnesium-, Stickstoff- und Phosphor-Vorräte jedoch die größere Bedeutung zu.

Prognosen über die Entwicklung einer natürlichen Vegetationsentwicklung auf den zahlreich vorhandenen Kipp-Rohböden und Kipp-Rankern sind derzeit noch unsicher. Deshalb muss mit einer standortgerechten Verteilung der neuen Landnutzungsformen eine Vielfalt von Lebensräumen entstehen, um eine Wiederbesiedlung natürlicher Artengemeinschaften und der Entstehung einer hohen Biodiversität zu ermöglichen.

Die Nutzungsstruktur der bergbaulich in Anspruch genommenen, bereits stark anthropogen veränderte Landschaft vor dem Eingriff zeigt Tabelle 1. Der Vergleich dieser Werte mit den aktuellen Anteilen der Nutzungsformen in der Bergbaufolgelandschaft (BFL) zeigt, dass der Anteil der forstlichen Nutzung annähernd der vorbergbaulichen Situation entspricht. Der forstlichen Rekultivierung in der BFL kam und kommt also besondere Bedeutung zu.

 

Flächeninanspruchnahme und Rekultivierung durch den Braunkohlenbergbau in der Lausitz (Stand 31.12.2004).

 

Bei der Entwicklung der forstlichen Rekultivierung im letzten Jahrhundert unterscheidet man in verschiedene Phasen (Tab. 2). Die ersten Aufforstungen wurden in den Jahren 1906 bis 1908 von sogenannten Werksgärtnern vorgenommen. Der Forstverwalter Rudolf Heusohn versuchte in den 20er Jahren über den Aufbau reichhaltiger Laubholzmischbestockungen (Roteiche, Pappel, Erle, Robinie, Birke, Lärche und Kiefer) ein natürliches, leistungsfähiges Waldgefüge  zu erreichen. Die meisten dieser älteren Kippenwälder sind heute wegen erneuter Überbaggerung und Auskohlung des zweiten Lausitzer Flözes wieder verschwunden.

Ab 1940 wurde besonders der Anbau der Kiefer gefördert. Diese frühe Phase der Rekultivierung bis etwa 1960 wird jedoch als die Birkenzeit bezeichnet, weil die Birke damals 53 % der Kippenaufforstungen ausmachte (Tab. 2).

 

Baumartenverteilung in den Rekultivierungsphasen [% der Fläche] in der Bergbaufolgelandschaft

 

Vom Beginn der 60er Jahre bis 1975 reicht die Roteichenzeit, in der diese Baumart immerhin 26 % der Kippenaufforstungen ausmachte und auch einige der in Subicon untersuchten Bestände entstanden. Der Spielraum für Berg- und Forstleute bei der Rekultivierung war in dieser Zeit relativ groß. Neben Kiefer und Roteiche wurden auch Robinie, Pappel, Roterle, Lärche, Linde und Traubeneiche gepflanzt. Der Anteil der Birke ging deutlich zugunsten der Kiefer zurück.

Gegenüber dieser Zeit ließ in den folgenden 80er Jahren die Kippenaufforstung anteilsmäßig zugunsten der landwirtschaftlichen Rekultivierung nach. Die Substrate für die forstwirtschaftliche Rekultivierung wurden immer schlechter. Weil die heterogenen Mischsubstrate aus tertiären und pleistozänen Sanden eine gleichmäßige Melioration verhinderten und die vorhandene Technik nur Bearbeitungstiefen von bis zu 60 cm zuließ, erfolgte vor allem die Anpflanzung von Kiefern (81 % der Kippenaufforstungen). Diese bis etwa 1990 andauernde Phase wird deshalb als Kiefernzeit bezeichnet (QRK23).

Heute bestimmt die Waldkiefer (Pinus sylvestris) mit 54 % das Waldbild. Birken (v.a. Betula pendula) besitzen immer noch einen Anteil von 21 % an den gesamten Beständen auf Kippen. Die Roteiche (Quercus rubra) hat als Wirtschaftsbaumart mit hoher Leistung und geringen Ansprüchen an Bedeutung gewonnen (15 %) und dient vor allem zur Verbesserung des Waldbrandschutzes. Auch Pappeln (Populus spp., 6 %), die Schwarzerle (Alnus glutinosa, 2 %), Europäische Lärche (Larix decidua, 1 %), Schwarzkiefer (Pinus nigra) und Winterlinde (Tilia cordata) haben sich bewährt. Heute stehen über 50 verschiedene Baum- und Straucharten auf den Pflanzenlisten und machen deutlich, dass die Artenvielfalt in der Rekultivierung erhöht wird. Die Auswahl der Hauptbaumarten geschieht in Anlehnung an das natürliche Waldbild, d.h. dass neben der Kiefer die Traubeneiche gefördert wird. Das Verhältnis von Laub- zu Nadelbäumen liegt heute etwa bei 1 : 1.

 

I) Bodenzoologische Besiedlung der forstwirtschaftlichen Flächen in der BFL

Im Gegensatz zu gewachsenen Böden stellen Kippsubstrate extreme Lebensbedingungen für Bodentiere dar. Ihre Nährstoffverfügbarkeit ist gering und die Haltekapazität für Wasser und Nährstoffe ist reduziert. Die forstlich rekultivierten Standorte in der BFL werden trotz dieser ungünstigen Lebensbedingungen erstaunlich schnell durch die Bodenfauna besiedelt. Vor allem die kleineren Gruppen (Mikrofauna) erobern die neu entstandenen Lebensräume schnell auf dem Luftweg. Allerdings zeichnen sich die ersten Monate/Jahre durch eine Dominanz weniger anspruchsloser Arten bzw. von Spezialisten für die ungünstigen Lebensbedingungen aus („stress tolerators“).

Aufgrund der häufigen Trockenheit und der Nährstoffarmut wachsen die angepflanzten Bäume relativ langsam – auch im Vergleich zu anderen Bergbaufolgelandschaften mit günstigerem Substrat (Rheinland, Nordböhmen). Deshalb bildet sich in der Niederlausitz erst langsam ein „Waldlebensraum“ mit charakteristischer Streuauflage und typischem Waldbinnenklima. Diese sind die Voraussetzung für die Ansiedlung anspruchsvoller Arten, die typisch für reifere Wälder sind.

Vor allem bei den Regenwürmern ist diese langsame Besiedlung deutlich zu beobachten. In 10-jährigen Beständen, die noch nicht diesen typischen Waldcharakter aufweisen, können sich noch keine stabilen Populationen von Regenwürmer entwickeln. Erst nach mehr als 20 Jahren sind wenige Pionierarten, z.B. der Grauwurm (Aporrectodea caliginosa) in den Böden der Bestände zu finden. Aber noch nach mehr als 40 Jahren bestehen in Artenzusammensetzung und Häufigkeit noch signifikante Gegensätze zu den Gemeinschaften reiferer Wälder außerhalb der BFL. So ist der dort typische und häufige Rotwurm (Lumbricus rubellus) in den Wäldern der BFL zwar schon vertreten, jedoch deutlich seltener anzutreffen.

Auch in Bezug auf die kleineren Bodenorganismen – Mikro- und Mesofauna – sind deutliche Unterschiede zwischen den rekultivierten Beständen und den Wäldern außerhalb der BFL zu beobachten. So unterscheiden sich Artenzusammensetzung und Siedlungsdichte der Fadenwürmer noch deutlich von den typischen Werten von Vergleichsstandorten. Ähnliche Unterschiede bestehen auch in Bezug auf die Protozoen. Allerdings ist für die Gemeinschaften der Mikrofauna aufgrund der schnelleren Besiedlung im Vergleich zur Makrofauna eine schnellere Angleichung an die Vergleichsstandorte außerhalb der BFL zu konstatieren.

Diese Unterschiede in der Besiedlung durch die Bodenfauna, die noch nach über 40 Jahren deutlich zu beobachten sind, wirken sich auch auf die Funktion der Bodentiere in den Forstökosystemen der BFL aus. Bodenorganismen sind wichtige Regulatoren der Bodenentwicklung und der damit verbundenen Genese von Bodenfunktionen. Auf den gestörten bzw. extremen Standorten der BFL ist aufgrund der geschilderten langsamen Besiedlung vor allem ein verlangsamter Stoffumsatz zu beobachten. Dadurch wird die Bereitstellung von Nährstoffen für die Bäume auf den ohnehin ungünstigen Standorten weiter beeinträchtigt – mit entsprechend negativen Folgen für die Entwicklung von nachhaltig stabilen Forstbeständen.

 

II) Einfluss der Baumart auf Bodenfauna und Bodenprozesse

Aufgrund der oben beschriebenen Bedeutung von Waldkiefer (Pinus sylvestris) und Roteiche (Quercus rubra) für die forstliche Rekultivierung in der Niederlausitzer Bergbaufolgelandschaft wurden diese Baumarten intensiver auf ihre bodenzoologische Besiedlung untersucht. Da es sich bei der Roteiche um eine aus Nordamerika eingeführte, nicht heimische Baumart handelt, wurde diese darüber hinaus mit der für das subkontinentale Nordostdeutsche Tiefland typische und indigene Traubeneiche (Q. petraea) verglichen. Letztere wurde in den beiden letzten Dekaden vermehrt angepflanzt; ihre flächenmäßige Bedeutung für die forstliche Rekultivierung der Region ist jedoch gering.

Alle Untersuchungen zeigen eine für die BFL typische Besiedlung durch die Gruppen der Bodenfauna, von der Mikro- über die Meso- bis hin zur Makrofauna. Unabhängig von der gewählten Baumart ist die oben beschriebene vergleichsweise langsame Besiedlung festgestellt worden. Weiterhin wurden Artengemeinschaften vorgefunden, die sich selbst nach mehreren Dekaden noch deutlich von den typischen Zönosen unterschieden.
Selbst im Vergleich zu Rekultivierungsstandorten anderer Tagebaureviere mit günstigeren Substraten wurden jeweils verlangsamte Entwicklungen beobachtet. Somit ist festzuhalten, dass die Baumart im Vergleich zum Substrat von sekundärer Bedeutung für die Ausbildung von typischen und leistungsfähigen Bodenlebensgemeinschaften ist.

Trotzdem wurden für die Niederlausitzer BFL beim Vergleich der heimischen Traubeneiche mit der eingeführten Roteiche signifikante Unterschiede festgestellt. So weisen die Roteichenbestände einfachere Gemeinschaften auf, vor allem im Hinblick auf die Mikrofauna. Für die Traubeneichenbestände konnten dagegen reicher strukturierte Nahrungsnetze festgestellt werden. Dies deutet darauf hin, dass eine Bestockung mit autochthoner Traubeneiche im Vergleich zu fremdländischer Roteiche die Sukzessionsgeschwindigkeit der Forstökosysteme in der BFL beschleunigt. Dieser Einfluss ist zu einem großen Teil in der Qualität der Streu begründet, die sich wiederum auf die Zersetzergemeinschaft, Dekompositionsraten, den Humustyp und die Ausbildung eines pflanzlichen Unterwuchses auswirkt.

Aus bodenzoologischer Sicht ist deshalb die Wahl der natürlichen und autochthonen Traubeneiche der fremdländischen Roteiche vorzuziehen. Im Hinblick auf die potentiell natürliche Waldlandschaft der Region sollte sie in Kombination mit der Waldkiefer angebaut werden. Wenn möglich – z.B. auf günstigerem Substrat oder Grundwasseranschluss – sollten auch heimische Edellaubhölzer (z.B. Winterlinde) mit in die Planungen einbezogen werden, da diese aufgrund der besserer Streuqualität eine schnellere Entwicklung nachhaltiger Forstbestände ermöglichen. Gleiches gilt für angepasste Pionierbäume (z.B. Sandbirke, Vogelbeere), die zudem den Boden bereiten für forstlich relevante Baumarten.

 

Abb. 1 Traubeneichen-Anpflanzung (23a) in der BFL mit Ansicht des Bodens: Die anfallende
Streu wird schnell abgebaut.


Abb. 2 Roteichenanpflanzungen in der BFL: 10 Jahre (links) und 33 Jahre (rechts)

 

 

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