Landschaftswerkstatt

Die Sanierung als Chance für die Entwicklung sehen:
Nutzungsorientierte Betrachtungen für die Gemeinde Schlabendorf.

Marcus Blanke-Chill
Thales Information Systems
Berlin, 21. 10. 2004

 

Zum Hintergrund der Planungstätigkeit
Thales ist ein weltweit agierender Konzern, der sowohl Softwarelösungen für Unternehmen anbietet, als auch Unternehmensberatung und technische Entwicklungen betreibt. Der Bereich des Competence Centers Real Estate Utilization, der sich mit den Schlabendorfer Feldern beschäftigt, ist nur ein kleiner Teil ihrer Berliner Niederlassung. Blanke-Chill ist hier seit 4 ½ Jahren tätig, er ist Stadt- und Regionalplaner und hat an der TU Berlin studiert.
Die LMBV arbeitet seit ungefähr zehn Jahren mit der Firma zusammen, jedoch erst seit ca. sechs Jahren auf dem Planungssektor für verschiedene Standorte in den Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbaufolgelandschaften, unter anderem für das Lausitzer Seenland, den Berzdorfer See, die Goitzsche oder den Geiseltalsee. Dies resultierte daraus, dass Thales die LMBV in Immobilienangelegenheiten beriet und sich daraus die Suche nach Nutzungsperspektiven ergab. Die Planung hat sich also zunächst aus dem Sanierungs- und dem Verwertungsgeschäft, ergeben. Vor diesem Hintergrund erarbeitete Blanke-Chill bis zum Oktober 2004 die "Nutzungsorientierten Betrachtungen für die Gemeinde Schlabendorf"; eine überwiegend touristische Nutzungs- und Gestaltungskonzeption. Sie fußt auf einem Konzept, das bereits im Jahre 2000 für die Schlabendorfer Felder von Thales erstellt wurde.

         

Nutzungsachsen und -kerne: Um den Schlabendorfer See haben die Planer verschiedene Schwerpunkte gesetzt, die sie durch Nutzungsachsen miteinander verbunden haben. Voraussetzung für deren Umsetzung ist das Einverständnis der Landeigentümer und die Bereitschaft der Kommunen, die Ideen auch umzusetzen

Arbeitsweise und Selbstverständnis
Blanke-Chill hat ein Selbstverständnis als planerischer Moderator- er versucht, durch Kommunikation mit den betroffenen Akteuren, den Kommunen, der Naturparkverwaltung, der Sielmann-Stiftung, den Städten Luckau und Calau, ihren Bauämtern, der IBA und natürlich mit dem Hauptauftraggeber LMBV die Entwicklungsspielräume für eine touristische Nutzung der Bergbaufolgelandschaft herauszufinden und zu strukturieren. "Wir haben die Leute an einen Tisch geholt und mit ihnen erörtert, wie die Perspektiven aussehen." Dabei beschäftigt sich das Team im vorliegenden Fall beinahe ausschließlich mit Schlabendorf-Süd, da in Schlabendorf-Nord bereits wesentliche Entscheidungen getroffen sind.
Die "nutzungsorientierten Betrachtungen" sind ein planerisches Angebot und haben daher zunächst keinerlei gesetzliche Qualität. Auf der anderen Seite besteht die Chance, dass die beteiligten Akteure sich bei der Erzielung eines Einverständnisses per Selbstbindung an die Planung halten - in diesem Falle kann der erreichte Arbeitsstand in die Flächennutzungsplanung der Kommunen einfließen. Für eine konkrete Bauausführungsplanung wird das Thales-Team nicht zuständig sein. "Dafür haben wir nicht die Kapazitäten."
Darüber hinaus besteht ein gewisser Spielraum für die Detailliertheit bzw. lokale Reichweite der Planung. Denn einerseits offenbart sich der Nutzen oftmals gerade im Detail, d.h. dadurch, dass die Planer möglichst genaue Vorstellungen davon entwickeln, wie eine touristische Entwicklung aussehen könnte. "Den regionalen Behörden fehlt es oft an Zeit und an Vorstellungsvermögen, was aus ihrer Landschaft einmal werden kann." Aus diesem Grunde ist es sinnvoll, die Planungen für Schlabendorf in möglichst vielen Einzelheiten zu entwickeln: wie viele Stellplätze hätte der Campingplatz, wo wären die sanitären Anlagen, wie ist der Wegeverlauf und wie sind die anderen Einrichtungen dadurch vernetzt?
Andererseits hat eine touristische Nutzung in einem Ort wie Schlabendorf nur dann eine Chance, wenn sie in kluge Strukturen im gesamten Raum eingebettet ist. Aus diesem Grunde dehnt die Planungsgruppe ihre nutzungsorientierten Betrachtungen auf den gesamten Schlabendorfer See aus und betrachtet zusätzlich die Ortschaften Fürstlich Drehna, teilweise auch Zinnitz. Zwischen den beiden Polen - Detail und Struktur - muss Blanke-Chill eine Balance entwickeln.

 

Eine Freifläche am entstehenden See in Schlabendorf. Hier könnte ein Campingplatz entstehen. Vergleichbare Nutzungen sind an anderen Bergbaufolgeseen bereits mit Erfolg etabliert worden.

Das Akteursensemble und seine Spielräume
Allgemein schätzt Blanke-Chill ein, dass das Akteursensemble im Raum Schlabendorf - Süd von einer gewissen Interessenvielfalt bei weitgehender Harmonie geprägt ist. "Jeder weiß, dass es für ihn nur einen Teil von der Torte gibt und andere auch essen wollen." Vor diesem Hintergrund macht ihm die Arbeit Spaß und es geht relativ wenig Zeit für die Betreuung von Einzelakteuren verloren, die nur ihre eigenen Interessen sähen. Trotzdem sei das Verhältnis der einzelnen Betroffenen zum Planungsprozess von verschiedenen Faktoren geprägt und daher verschieden.
Zur LMBV hat das Planungsteam naturgemäß ein besonders enges Verhältnis - diese ist nicht nur Auftraggeber, sondern auch vor Ort ein zentraler Akteur. Außerdem erhalten die Planer zahlreiche Materialien (Karten, Fotos, Daten) von der LMBV. Ein entscheidender Spielraum für die gegenwärtige Planung liege darin, die LMBV mit ihrer an den Schlabendorfer Feldern befindlichen Technik für grundlegende Struktur bildende Maßnahmen zu gewinnen. Diese Technik wird für Sanierungsarbeiten vor Ort eingesetzt. So sind z.B. aufwändige Bodenmodulierungen "("Terraforming") noch als Nebenprodukt denkbar, wogegen eine spätere gesonderte Bereitstellung der Technik außerordentlich teuer wäre. In dieser Hinsicht ist nach Blanke-Chill in den letzten Jahren bereits viel Spielraum vergeben worden. Grund dafür sei neben der schwachen finanziellen Ausstattung der Kommunen die Zurückhaltung und oftmals fehlende Imaginationskraft in den Gemeinden, die als teilweise todgeweihte Bergbaudörfer keine Perspektiven jenseits der Braunkohle entwickeln konnten. Erst die Vorschläge der Schlabendorfer Arbeitsgruppe zu einer Seegemeinde Schlabendorf aus dem Jahre 2003 hätten diese Überlegungen von Seiten der Bewohner ins Rollen gebracht und seien von der LMBV und den Planungseinrichtungen prompt aufgegriffen worden. Bis dahin habe man Chancen verpasst, mit einfachen Mitteln Strukturen zu schaffen, mit denen man erste, anspruchslose Nutzer anziehen könnte. Dazu gehörten Skater, "Crossgolfer" (zu den Vorschlägen gehört auch die Möglichkeit, sich bei Zinnitz die Landschaft "zu ergolfen", d.h. den Sport nicht auf einem ordentlichen Golfplatz, sondern auf einer eigentümlichen riesigen Freifläche zu treiben) und Badegäste, die sich von widrigen Bedingungen oft nicht abschrecken lassen. Blanke-Chill bezeichnet diese Nutzer als "Pioniere des Tourismus" und ist davon überzeugt, dass man mit ihnen arbeiten muss.

         

Die nutzungsorientierten Betrachtungen gehen von einer Analyse besonders attraktiver Naturräume aus, die auf gewachsenem Land vorhanden bzw. in der Bergbaufolgelandschaft neu entstanden sind. Dabei ist es Aufgabe der Planung, landschaftliche Beziehungen zwischen diesen Räumen zu konzipieren.

         

Der Planungsraum Schlabendorf Süd mit den vermutlichen Endwasserständen 2007

Die Grundwasserreinigungsanlage in Schlabendorf gehörte zum Tagebaubetrieb. Es wäre möglich, sie durch einige Eingriffe zum Bootshafen umzubauen.

Blick auf das Seeufer bei Schlabendorf, den Weststrand: Die Gemeinde hat das Ufer gekauft und will es als Boots- und Badestrand entwickeln.

Den Weg entlang des entstehenden Schlabendorfer Sees kann man sich mit etwas Phantasie durchaus als Promenade vorstellen.

Im Gegensatz zum großen Landschaftspark in Fürstlich Drehna ist der Gutspark in Schlabendorf kaum noch erkennbar - die alten Bäume sind abgestorben, die Fläche ist minimiert.

Trotzdem könnte der sanierte Gutspark als Strukturelement eine wichtige Rolle bei der räumlichen Vermittlung zwischen Siedlung und See spielen.

Ein weiterer zentraler Akteur in den Schlabendorfer Feldern aus der Sicht Blanke-Chills ist die Heinz-Sielmann-Stiftung. Wegen der erheblichen Flächenanteile am entstehenden Schlabendorfer See habe man in den "nutzungsorientierten Betrachtungen" zunächst versucht, vier verschiedene Nutzungsschwerpunkte im Raum zu setzen und sie somit sowohl voneinander abzugrenzen, als auch miteinander in Beziehung zu setzen. Demnach wären mit dem Standort Wanninchen naturnahe und dem Schutzziel angepasste Nutzungen (Wandern; Natur beobachten) verbunden. In Schlabendorf könnten dagegen eher sportliche Nutzungen ankern (Wassersport und Camping).Zinnitz könnte sich stärker auf einen Ferienbetrieb der gehobenen Art spezialisieren, etwa durch Ferienwohnungen und -häuser oder durch ein Wellness-Zentrum.

In Fürstlich Drehna schließlich gibt es durch die historische Substanz die Möglichkeit, exklusive Kulturerlebnisse zu vermarkten. Auf diese Weise entstehen Achsen zwischen den Standorten, an denen sich verschiedene kleinteilige Nutzungen in den genannten Polen entfalten können: die "Wasserachse" zwischen Wanninchen und Schlabendorf, die "Aktivitätenachse" zwischen Schlabendorf und Zinnitz und die "Historische Achse" zwischen Fürstlich Drehna und Schlabendorf. Wanninchen ist mit Fürstlich Drehna durch eine "Naturachse" verbunden, Fürstlich Drehna wiederum mit Zinnitz durch eine "Kulturachse". Diese Schwerpunkte geben Gestaltungschancen vor, behandeln aber den gesamten Schlabendorfer See als zu entwickelndes Gebiet. An dieser Stelle brechen dann doch die befürchteten Nutzungskonflikte auf: Naturschutz konkurriert mit Tourismus. Die Naturschützer wehren sich vehement gegen eine Solarfähre und gegen Segelboote auf dem See.
So steht etwa zur Debatte, ob die Schutzgebiete des Sees, die der Sielmann-Stiftung gehören, durch Bojen von den übrigen Teilen abgetrennt werden, um einen individuellen Bootstourismus zu verhindern, oder nicht. Für die Planer ist das keine attraktive Lösung, da der See hinter Wanninchen in äußerst attraktive Reliefs ausläuft, die auch vom Wasser aus in aller Stille schön zu beobachten wären. Auch eine umlaufende Skaterstrecke, die die Planer vorschlagen, da sie viele "Pioniere" anzöge, steht so zu Debatte. Mit dem von der Sielmann-Stiftung beabsichtigten Kauf des Drehnaer Sees würde darüber hinaus die gesamte Schwerpunktsetzung der Planungen strapaziert, da nunmehr noch ein weiteres Schutzgebiet entlang der "Kulturachse" läge.

 

Planungen für den Ort Schlabendorf
Die Arbeit der Planer für Schlabendorf schlägt verschiedene gewerbliche Einrichtungen vor: einen Fahrrad- und Skaterverleih, ein Bistro, ein Strandcafe, eine Segelschule, einen Campingplatz und einen Hafen. Dabei ist man in den Zukunftsentwürfen vorsichtig und bemüht sich, keine überschießenden Erwartungen zu wecken.
"Wenn alles umgesetzt ist und gut funktionieren würde, ergäbe das ca. 16 Arbeitsplätze."
Trotzdem wäre es eine umfassende Perspektive für die Entwicklung des gesamten Ortes. Zentral für die Entwicklung ist der Hafen, der aus einer großen Grundwasserreinigungs-anlage im Ort entstehen könnte. Diese muss von der LMBV in der bevorstehenden Sanierungsphase zurück gebaut werden. Bei rechtzeitiger Klarheit in Amt und Gemeinde könnte eine Formung des Beckens zu einer zu entwickelnden Hafenanlage erzielt werden. Dasselbe gilt für den direkten Uferbereich, die Reste des Schlossparks und die Seepromenade.
Ein verbindendes Element zwischen der touristischen Nutzung und dem benachbarten Naturschutz könnte im Leitbild "Solar Village" bestehen - Demnach könnte eine Solarfähre den Ort Schlabendorf mit dem Naturparkzentrum Wanninchen verninden. Darüber hinaus könnten viele Dächer der Ortschaft, die Seebrücke und andere Flächen mit Feldern zur Gewinnung von Solarenergie ausgestattet werden. Auf der Seebrücke soll eine Solartankstelle zur Speisung von Elektrobooten und der Solarfähre genutzt werden, mit der die verschiedenen Bereiche des Sees erfahren werden könnten. Auf diese Idee hat auch die IBA positiv reagiert und würde möglicherweise ein entsprechendes Projekt in ihr Konzept aufnehmen und es unterstützen, da darin auch ein symbolischer Brückenschlag zwischen alter und neuer Energienutzung, zwischen Naturverbrauch und Naturerhalt beschrieben würde. Ein solches "Mosaiksteinchen" würde die Themenpalette der IBA sinnvoll ergänzen.

 

Ausblick
Blanke-Chill und sein Team haben sich auf die Landschaft, die sie in dem Projekt bearbeitet haben, in ihrer Eigenart und in ihrer besonderen historischen Lage eingelassen und einen weit reichenden Kontakt zu den betroffenen "Stakeholders" aufgebaut. Dass verschiedene Unklarheiten und Hemmnisse sich im Rahmen ihres Engagements nicht lösen lasen werden, sehen sie als natürlich an und bedauern dies jedoch zugleich. Es bleibt, die Hoffnung und Absicht, mit dem Projekt einen wirksamen Beitrag zur Entwicklung des Standorts geleistet zu haben.

 

Kontakt

Thales Information Systems
Center of Expertise Real Estate Utilization

Marcus Blanke-Chill

Storkower Straße 207 A
10369 Berlin

Telefon: 030 - 421 93 150
Telefax: 030 - 421 93 299
E-Mail: Marcus.Blanke-Chill@thales-is.com

 

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