
Eine Befragung unter den Anwohnern des ehemaligen Tagebaues
Schlabendorf Süd
Kenneth Anders und Lars Fischer, Büro für Landschaftskommunikation,
Januar 2006
Grundgesamtheit, Auswahl und Teilnahmebereitschaft:
Die Befragung wurde in den Ortschaften Zinnitz, Groß
Jehser, Schlabendorf und Fürstlich Drehna vorgenommen.
Diese Auswahl begründete sich folgendermaßen:
Alle Ortschaften liegen nahe am ehemaligen Tagebau Schlabendorf
Süd, sind also unmittelbar mit der Problematik der Nachnutzung
konfrontiert. Im Gegensatz zum ehemaligen Tagebau Schlabendorf
Nord, bei dem Sanierung und Etablierung von Nachnutzungen
weitgehend abgeschlossen sind, ist im südlichen Bereich
noch eine hohe landschaftliche Dynamik erfahrbar. In Auseinandersetzungen
um verschiedene Strategien der Wiedernutzbarmachung können
die Anwohner noch direkt eingreifen und eigene Interessen
geltend machen. Diese sachliche Ausgangslage sollte für
die Befragung genutzt werden.
Zudem sind alle Ortschaften in etwa gleich groß (300 Einwohner + x) und insofern vergleichbar, allerdings wiederum durch ihre sozioökonomische Geschichte deutlich voneinander unterscheidbar. Groß Jehser z.B. konnte seine landwirtschaftliche Tradition durch die DDR-Zeit ungebrochen aufrechterhalten, Schlabendorf und Zinnitz, zwischen den beiden Abbaugebieten gelegen, waren dagegen eng mit dem Schicksal der nördlichen und südlichen Tagebaue verbunden.
Die Befragung wurde als Komplettbefragung an einem Sonnabend (7. Januar 2006) gleichzeitig an allen Haushalten der vier genannten Ortschaften durchgeführt. Dieses Datum wurde gewählt, da am Sonnabend nach dem Jahreswechsel mit einer relativ großen Anwesenheit gerechnet wurde. Die recht hohe Zahl erwerbstätiger Anwohner unter den Befragten (51% erwerbstätig, 27% Rentner, 13% arbeitslos, 5,5% in Ausbildung, 2,5% Hausfrau/-mann) scheint diese Entscheidung zu bestätigen.
Die Teilnahmebereitschaft der Anwohner war verschieden (z.T. wurden die Interviewer abgewiesen, auch waren nicht in allen Häusern Bewohner anwesend). Es nahmen teil:
Mit 82 Frauen und 79 Männern lag die Geschlechterverteilung
annähernd bei 1:1. Der größte Teil der Befragten
hatte eine Qualifikation als Facharbeiter (55%), gefolgt von
Fachschul- und Meisterabschlüssen (22%) und Fachhochschul-
und Universitätsabschlüssen (12,5%).
Während die Befragten von Schlabendorf, Zinnitz und Groß
Jehser durchschnittlich seit 24 Jahren in ihrem Ort wohnten,
betrug die durchschnittliche Ansässigkeit in Fürstlich
Drehna 38 Jahre. Dieser Unterschied lässt sich teilweise
mit dem höheren Durchschnittalter der Befragten in Fürstlich
Drehna begründen (54 statt 45-49 Jahre), könnte
er aber auch auf die geringere Migrationsdynamik in diesem
Ort zurückzuführen sein.
Der Fragebogen
war knapp gehalten und zielte auf eine möglichst kurze
Antwortzeit, um die Bereitschaft der Anwohner zur Teilnahme
zu erhöhen. Es wurden die wesentlichen Dispositionen
der Anwohner zu den angrenzenden Flächen erfragt: ihre
persönlichen Bindungen an die vor- und nachbergbauliche
Landschaft, ihre Nutzungsvorstellungen und ästhetischen
Präferenzen und ihr Partizipationsbedürfnis. Die
Fragen wurden überwiegend eindeutig und unkompliziert
aufgenommen. Verständnisschwierigkeiten tauchten an zwei
Stellen auf: bei der Frage nach der persönlichen Bindung
an die Landschaft und nach dem Wunsch, die Landschaft mitzugestalten.
Offenbar waren diese Fragen zu abstrakt formuliert bzw. schlossen
zu wenig an der Lebenswirklichkeit der Menschen an. Zusätzlich
wurden einfache sozialstrukturelle Daten erhoben. Der Fragebogen
enthielt folgende Fragen:
Wie lange wohnen sie schon im Ort?
Haben sie eine persönliche Beziehung
zur Bergbaufolgelandschaft "Schlabendorfer Felder"?
Wenn ja, welche? (Mehrfachnennungen möglich)
Als Anwohner / Als Kumpel im Tagebau / Als Mitarbeiter in
der Sanierung / Als Naturschützer / Als heutiger Folgenutzer
/ Als Bewohner einer überbaggerten Ortschaft / Sonstiges
Betreten Sie selbst die Bergbaufolgeflächen?
Ja, oft (mehrmals im Monat) / Ja, selten (ein- bis zweimal
im Jahr) / Nein, nie.
Wenn ja, was tun sie in den Bergbaufolgeflächen?
Arbeiten (was?)/ Spazieren gehen / Anderes:
Sprechen sie mit Bekannten und Verwandten
über die Gestaltung der Flächen?
Ja, oft (mehrmals im Monat) / Ja, selten (ein- bis zweimal
im Jahr) / Nein, nie.
Welche Nutzung scheint ihnen für die
Bergbaufolgelandschaft am geeignetsten:
Landwirtschaft / Forstwirtschaft / Naturschutz / Naherholung
und Tourismus / Ein "Nutzungsmix" / Andere Nutzungen:
Sind Sie der Meinung, die Bergbaufolgelandschaft muss zum Lebensunterhalt der Anwohner beitragen?
Welcher der beiden Antworten würden sie
eher zustimmen:
Die Schlabendorfer Felder sollten so gestaltet werden, dass
sie sich wieder unauffällig in die Gesamtlandschaft eingliedern.
/ Die Schlabendorfer Felder bilden einen Kontrast zu ihrer
Umgebung. Das sollte auch so bleiben.
Würden sie sich mehr Möglichkeiten
wünschen, die Zukunft der Bergbaufolgelandschaft mitzugestalten?
An wen würden sie sich mit diesem Bedürfnis wenden?
an die LMBV / an die Heinz-Sielmann-Stiftung / an den Naturpark
Niederlausitzer Landrücken / an andere Institutionen:
Meinen sie, dass in den Schlabendorfer Feldern
eine besondere biologische Vielfalt zu finden ist?
Ja / nein / weiß nicht
Gibt es Ortschaften, Gewässer oder sonstige Elemente
in der überbaggerten Landschaft, welche Sie heute vermissen?
Wenn ja, welches?
Möchten sie uns zur Bergbaufolgelandschaft sonst noch etwas sagen?
Wie alt sind sie? Männlich/weiblich:
Was ist ihre höchste berufliche Qualifikation? (ungelernt
- Facharbeiter/in bzw. Geselle/Gesellin - Fachschulabschluss
bzw. Meisterabschluss - Fachhochschul- bzw. Hochschulabschluss)
Was ist ihr derzeitiger beruflicher Status? (erwerbstätig
- arbeitslos - in der Ausbildung - Rentner/-in - freiwillig
Hausfrau bzw. Hausmann)
Auswertung
a) persönliches Verhältnis zur Landschaft
Unter jenen, die eine über die Anwohnerschaft hinaus
gehende Beziehung zur Bergbaufolgelandschaft für sich
gegeben sahen, dominierten mit 29 Personen (18%) deutlich
jene Anwohner, die als Kumpel selbst im Tagebau gearbeitet
hatten. Diese sind wiederum in Fürstlich Drehna mit
15 Personen (31 % der Befragten des Ortes) am stärksten
vertreten. Die anderen benannten Landschaftsbeziehungen, die
sich aus der eigenen Lebensgeschichte ergeben, haben nur ein
geringes Ausmaß (fünf Befragte stammen aus heute
überbaggerten Ortschaften, je drei sind in der Sanierung
und in der Nachnutzung beschäftigt, zwei sind ehemalige
Nutzer, zwei kennen die Flächen aus dem Engagement im
Naturschutz und eine Person hat eine Beziehung zu den Flächen
als ehemaliger Eigentümer.)
b) Das Betreten der Bergbaufolgelandschaft
Die überwiegende Zahl von 94 Personen (58%) gibt
an, die Bergbaufolgelandschaft oft (mehrmals im Monat) zu
betreten, gefolgt von 46 Befragten (29%), die die Bergbaufolgelandschaft
selten (ein- bis zweimal im Jahr) betreten und gerade einmal
zwanzig Personen, die angeben, die Bergbaufolgelandschaft
nie zu betreten. Diese Zahl scheint zunächst sehr hoch.
Ähnliche Untersuchungen bei Anwohnern ehemaliger Truppenübungsplätze
weisen z.B. für die Döberitzer Heide mit 40 % oftmaliger
Betretung einen zwar niedrigeren, jedoch immer noch recht
hohen Wert aus(Oehlschäger et al. 2004, S. 193). Aus
Beobachtungen in den Dörfern lässt sich vermuten,
dass die Angaben über die Häufigkeit der Betretung
evtl. überhöht sind. Damit werden die Aussagen jedoch
nicht wertlos, vielmehr spiegeln sie subjektive Empfinden
der Anwohner wieder, in die Entwicklung der Bergbaufolgelandschaft
involviert zu sein.

Abb.1 Eigenes Betreten der Bergbaufolgelandschaft.
Der überwiegende Teil der Befragten gibt an, die Flächen
regelmäßig zu betreten.
Nach der Beschäftigung gefragt, der die Anwohner in
der Bergbaufolgelandschaft nachgehen, gab der überwiegende
Teil von 69% an, dort spazieren zu gehen, bzw. den
Hund auszuführen. Andere Tätigkeiten wie Fahrrad
fahren (13 Befragte) und Sport treiben, Pilze sammeln, Baden
oder Rodeln rangieren weit dahinter. Immerhin sechs Befragte
gaben an, selbst in der Bergbaufolgelandschaft zu arbeiten
- in der Sanierung, der Land- und Forstwirtschaft sowie in
der Gewässerpflege.
c) Sprechen Sie mit ihren Bekannten und Verwandten über
die Landschaft?
So knapp wie die Frage gestellt wurde, kam auch die Antwort
- ja. Die Bergbaufolgelandschaft bildet einen wichtigen Gegenstand
in der dörflichen Kommunikation. 37% der Befragten
gaben an, oft mit Bekannten oder Verwandten über die
Bergbaufolgelandschaft zu sprechen, 42% täten dies
selten und 19% nie. Diese Zahlen werden auch von den themenbezogenen
qualitativen Interviews bestätigt, die 2004 und 2005
im Umfeld der Schlabendorfer Felder durchgeführt wurden.
Dabei spielt das jüngere Schicksal der Dörfer (Schlabendorf
sollte am Beginn der Neuziger Jahre dem Tagebau Schlabendorf
Mitte weichen) ebenso eine Rolle wie Nutzungskonflikte und
Auseinandersetzungen um planerische Leitbilder in den Dörfern
sowie die Sanierung. Das Interesse der Anwohner an den Flächen
ist hoch. Bedingt durch eigene Arbeit im Tagebau, durch Familienmitglieder,
die in "der Kohle" und Sanierung beschäftigt
waren und nicht zuletzt durch die unmittelbare visuelle Konfrontation
mit den überbaggerten Flächen aus der eigenen Lebenssituation
heraus, gibt es eine große Menge an Anschlussmöglichkeiten.
d) Präferenzen bei der Nutzung
Interessant sind die Aussagen zu den einzelnen Folgenutzungen,
bei denen Mehrfachangaben möglich waren. Hier genießt
die Naherholung mit 37% die höchste Akzeptanz,
gefolgt von der Etablierung eines Mixes aus verschiedenen
Landnutzungsarten (33,5%). Dem wird mitunter auch zusätzlich
verbal Ausdruck verleihen: "Nicht alles Naturschutz,
auch für die Anlieger!" Ein Nutzungsmix scheint
indes für die meisten Anwohner den Naturschutz grundsätzlich
zu beinhalten. Dies wird ebenfalls bei verbalen Zusatzanmerkungen
in dieser Gruppe deutlich: "Es soll renaturiert werden!"
"Man sollte die Natur unbelassen lassen, das Gebiet jedoch
nicht sperren" kommentiert eine 16-jähriger Schlabendorferin.
Und auch zur Vorsicht wird gemahnt: "Bauen sie bitte
einen vorsichtigen Tourismus auf, damit nicht alles wieder
zertrampelt wird!" fordert ein Rentnerehepaar aus Groß
Jehser. Immerhin 25,5% nannten singulär den Naturschutz
als geeignetste Nutzungsform und merkten dies zuweilen ebenfalls
verbal an. 18,5% der Befragten sprachen sich für eine
forstwirtschaftliche Nutzung aus und nur 10,5% präferierten
die Landwirtschaft. Dabei ist es bezeichnend, dass in
Schlabendorf, das seine landwirtschaftlichen Nutzflächen
bergbaubedingt verloren hat, nicht eine einzige Präferenz
für die Landwirtschaft artikuliert wurde. Zuweilen werden
auch nur Negativbestimmungen vorgenommen und damit auf die
Lebensqualität für die Anwohner angespielt: "Keine
Nutzung, die Lärm erzeugt, keine Windkrafträder."
Oder: "Es soll nicht alles bebaut werden."

Abb.2 Nutzungspräferenzen der Anwohner
für die Bergbaufolgelandschaft Schlabendorfer Felder
in %. Auffallend ist die hohe Akzeptanz einer gemischten Nutzung.
e) soll die Landschaft etwas zum Lebensunterhalt beitragen?
Mit dem hohen Stellenwert einer Nutzung der Bergbaufolgelandschaft
korreliert die Zustimmung für die Aussage dass die Bergbaufolgelandschaft
zum Lebensunterhalt der Anwohner etwas beitragen müsse
(61,5%). Diese Annahme ist keine Selbstverständlichkeit,
immerhin sind die Nutzungsbeziehungen zwischen der Bevölkerung
im ländlichen Raum und den jeweiligen Flächen gegenwärtig
erheblich gelockert. "Ja, wenn `s Arbeitsplätze
gibt
" merkt ein arbeitsloser Einwohner von Fürstlich
Drehna lakonisch an und ähnliche Anmerkungen in fast
gleichem Wortlaut wiederholen sich. Dabei wird auch auf die
Eigentumsverhältnisse verwiesen: "Es soll kein Privatbesitz
entstehen, der See soll nicht privat genutzt werden, wir sind
die Gebeutelten und wollen teilhaben!" macht sich ein
anderer Anwohner aus Fürstlich Drehna Luft. Andererseits
zeigte die Befragung, dass auch in dieser Hinsicht die Interessen
innerhalb der Ortschaften ungleich verteilt sind. So reagieren
die Anwohner, die unmittelbar an der alten Abbruchkante wohnen,
etwa auf der dem See zugewandten Seite in Schlabendorf, deutlich
skeptischer auf die touristischen Entwicklungspläne.
Sie haben sich z.T. erst nach dem Tagebau im Ort niedergelassen
und befürchten nun durch einen regen Besucherverkehr
Beeinträchtigungen in ihrer Wohnqualität: "Die
Anwohner sollen vom Tourismus nicht in Mitleidenschaft gezogen
werden." oder "Keine Übernutzung der Fläche
durch Tourismus, will Ruhe, Fläche soll natürlich
bleiben."
f) Soll die Landschaft auch in Zukunft einen Kontrast
bilden?
Dass die Schlabendorfer Felder nach der bergbaulichen Nutzung
einen deutlichen Kontrast zur gewachsenen Landschaft bilden,
ist den meisten Anwohnern ein Dorn im Auge: Nur 45 Befragte
(28%) sprechen sich dafür aus, diesen Kontrast beizubehalten,
dies allerdings meist klar und deutlich; etwa, indem sie in
der Befragung schnell reagierten und ihre Entscheidung auch
begründeten, oder indem sie den Begriff "Kontrast"
im Fragebogen durchstrichen und durch "Bereicherung"
ersetzten. 72% plädieren dafür, dass sich die
Bergbaufolgeflächen wieder unauffällig in die Gesamtlandschaft
eingliedern sollten. Diese Vorlieben drücken das
Bedürfnis der Bewohner aus, in einer intakten Landschaft
zu leben. Aus den anderen Aussagen und den flankierenden Interviews
lässt sich jedoch ableiten, dass in diesem Bedürfnis
keine Vorstellungen einer Wiederherstellung des vorbergbaulichen
Zustands verborgen sind. Auch sagt das Bedürfnis nach
einem Abbau der Kontraste nichts über eine Präferenz
in der Nutzung aus. Explizit wünscht sich eine Befragte,
die für den Abbau der Kontraste plädiert, die Landschaft
möge sich naturnah entwickeln und sich selbst überlassen
bleiben. Gleichwohl wünschen sich auch manche Anwohner,
der Tagebau dürfe nicht in Vergessenheit geraten, so
solle man etwa durch ein Grubenmuseum das Gedächtnis
an diese Zeit wach halten.
g) An wen würden Sie sich wenden, wenn Sie ein Anliegen
haben?
Die LMBV (Lausitzer- und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft
mbH) genießt bei den meisten Anwohnern immer noch den
Stand der zentralen Institution für die Bergbaufolgelandschaft.
53 Anwohner (33%) würden sich an die LMBV wenden,
wenn sie ein Anliegen hätten, das diese Flächen
betrifft. Allerdings werden auch der Naturpark Niederlausitzer
Landrücken (20,5%) und die Heinz-Sielmann-Stiftung (16%)
recht häufig genannt. Die kommunalen Vertreter und
Verwaltungen werden dagegen nur vereinzelt als Ansprechpartner
wahrgenommen (5,6 %). Die allgemein niedrigen Werte innerhalb
dieses Rankings (insgesamt haben nur etwa drei Viertel der
Befragten hier geantwortet, weshalb die einzelnen Werte etwas
höher zu veranschlagen sind) erklären sich damit,
dass viele Befragte die Frage schwer verstehen bzw. sich keinen
entsprechenden Fall vorstellen konnten, in dem sie einen solchen
Ansprechpartner benötigen würden. Bei lokaler Aufschlüsselung
zeigt sich wiederum, dass einzelne Akteure innerhalb der Dörfer
durchaus wahrgenommen werden, so z.B. der Arbeitskreis Schlabendorf
am See und der Kultur- und Heimatverein Fürstlich Drehna.
Für manche Fragen scheint es indes keinen klaren Adressaten
zu geben. "Wann kann das Baden beginnen? Sollte die Landschaft
nicht besser überwacht werden, dass sie nicht vermüllt
und befahren wird?"

Abb. 3: An wen würden sie sich wenden,
wenn sie ein Anliegen in der Bergbaufolgelandschaft hätten?
Die LMBV ist immer noch die zentrale Institution in den Schlabendorfer
Feldern, die beiden Naturschutz-Institutionen werden allerdings
ebenfalls anerkannt.
h) Hat Bergbaufolgelandschaft eine besondere Naturausstattung?
Dass in den Bergbaufolgeflächen eine besondere biologische
Vielfalt herrscht, bejahten immerhin 86 Befragte (53,5%),
34% äußerten sich darüber ungewiss und nur
12,5% bezweifelten eine besondere biologische Vielfalt in
der Bergbaufolgelandschaft. Konnten die Anwohner hier selbst
eine bestimmte Tier- oder Pflanzenart nennen, fiel ihnen eine
Antwort auf diese Frage sichtlich leichter. Überhaupt
werden Urteile über die Naturausstattung und Ökologie
der Landschaft an konkreten Beobachtungen festgemacht: "See
ist nicht voll, zu hoher pH-Wert, kaum Fische!" merkt
ein Befragter an. Auffallend ist, dass viele Befragte ein
prozessuales Verständnis der Landschaft zeigten. "Noch
nicht" beantwortet ein Anwohner aus Fürstlich Drehna
die Frage nach der biologischen Vielfalt, "soll sich
entwickeln." Und gibt damit eine typische Reaktion wieder.
Ähnliche Akzente werden auch in Schlabendorf laut, wenn
Anwohner angeben, die Landschaft aufzusuchen, "um Veränderungen
zu beobachten."
i) Vermissen Sie die alte Landschaft?
Die Frage, ob die Anwohner Elemente in der überbaggerten
Landschaft vermissen, wurde meist nach kurzem Zögern
beantwortet. Die größte Gruppe gab an, nichts zu
vermissen (42%, z.B. noch unterstrichen durch: "Nein,
es muss Neues geben!"), dann wurden die verschwundenen
Dörfer (34%) aufgeführt, oft auch namentlich (Stiebsdorf,
Presenchen, Pademagk, Tornow, Wanninchen). Die Gewässer
der Landschaft (17%) bilden ebenfalls nennenswerte Landmarken.
Außerdem wurden die Schlossparks von Fürstlich
Drehna und Zinnitz, die Wälder ("500-jährige
Eichen!"), örtliche Verbindungsstraßen und
die Landschaft als Ganze erwähnt. Die meisten Bewohner
nannten mehr oder weniger schlechthin Erinnerungen, die sie
an die vormalige Landschaft haben. Insofern scheinen die Bindungen
an die alte Landschaft relativ schwach ausgeprägt.
Allerdings ergibt sich bei lokaler Aufschlüsselung ein
deutlicheres Bild. So beklagen viele Zinnitzer, dass ein für
sie wichtiges Fließ, die Schrake, verloren gegangen
ist und artikulieren zugleich ihren Ärger über die
trockene und staubige Landschaft, die sie für unschön
halten und die ihnen im Alltag Scherereien macht - etwa beim
Wäschetrocknen an der frischen Luft: "dreckige Sandwolken"
werden so reklamiert und ein anderer Befragter merkt an: "Kein
Bächlein und kein Wasser, zuviel Feinstaub, die Kippe
ist unterwegs". In Fürstlich Drehna wird dagegen
von vielen Anwohnern der alte Ziegeleiteich im Landschaftspark
vermisst, der wegen seiner besonderen Ausmaße und Geschichte
eine Identität stiftende Bedeutung für den Ort hatte.
Allerdings, resümiert eine 81jährige Befragte: "Man
gewöhnt sich." Mitunter fällt der Abschied
sogar leicht: "Ich bin froh, dass es so schön wie
jetzt geworden ist. Ist was Anderes!"
Resümee
Die Befragung vermittelt vielfältige und belebte Perspektiven
der Anwohner auf ihre Bergbaufolgelandschaft - keine verhärteten
Fronten, jedoch klare Bedürfnisse.
Zentral ist die Erwartung, auf eine Weise am Schicksal der
Flächen zu partizipieren - flankiert von einem deutlich
ausgeprägten Verständnis für die verschiedenen
Nutzungen und Belange, die auf den Flächen etabliert
werden sollten.
Trotz des Verlustes einer gewohnten und geliebten Landschaft
und der Empfindung des bergbaulichen Eingriffs als Zerstörung,
dominiert eine offene und gelassene Haltung, was die Zukunft
der Flächen anbelangt.
Beachtlichen Respekt konnte sich neben der LMBV der Naturpark
Niederlausitzer Landrücken erarbeiten - als Institution,
die verantwortungsvoll mit den in Rede stehenden Flächen
umgeht. Auch die vorhandene Akzeptanz der Heinz-Sielmann-Stiftung
ist beachtlich, wenn man die Kürze des bisherigen Engagements
der Stiftung in Rechung stellt. Insgesamt steht das Gefühl,
die Landschaft würde angemessen entwickelt, in einem
direkten Verhältnis zur Informiertheit über die
einzelnen Umstände und Entscheidungsspielräume.
Grundsätzlich belegen die Ergebnisse einen bemerkenswerten Inwertsetzungsprozess der Bergbaufolgelandschaft durch die Anwohner, der den Grundzügen der integrativen Sanierungsplanung durch den Braunkohlenausschuss des Landes Brandenburg zu folgen scheint. Der Sanierungsplan für die Schlabendorfer Felder aus dem Jahr 1993 nahm für die Nachnutzung des Tagebaus Schlabendorf Süd eine verstärkte Erholungsnutzung im Zusammenhang mit dem Naturpark Niederlausitzer Landrücken an. Die Sanierungspraxis wurde entsprechend ausgerichtet und die vorbergbauliche Flächeninanspruchnahme, die zu fast gleichen Teilen durch die Landwirtschaft (47,7 %) und die Forstwirtschaft (46,1 %) dominiert war, durch die im Entstehen befindlichen Seen und die ausgewiesenen Renaturierungsflächen zum Nachteil der landwirtschaftlichen Nutzfläche erheblich verändert. Interessant wäre eine Wiederholungsbefragung im gleichen Design in fünf Jahren.
Literatur