
1 Aufgabenstellung
Der Antrag sieht eine methodische Trias aus ökonomischer
Analyse, sozialwissenschaftlicher Beschreibung und praktischer
Vermittlung zwischen wissenschaftlichen und landschaftsbezogenen
Akteuren vor. In der ersten Projektphase war es nötig,
dieses differenziert angelegte Herangehen zu einem effektiven
sozioökonomischen Forschungsansatz zu synthetisieren.
Aufwändige Umfragemodule wurden aus Kapazitätsgründen
ausgeschlossen, stattdessen wurde eine Beschränkung auf
das für die Fläche der Schlabendorfer Felder relevante
Akteursensemble vorgenommen (Das Konzept des Akteursensembles
basiert auf der Figurationssoziologie von Norbert Elias, vgl.
dazu Anders 2000). Aufgabe des Teilprojektes ist es, die in
diesem Ensemble repräsentierten verschiedenen Nutzungen
der Bergbaufolgelandschaft
a) in ihrem sozioökonomischen Bedingungsgefüge zu
erfassen, in die lokale Landschafts- und Sanierungsgeschichte
einzuordnen und zu systematisieren
b) prägnante Vergleiche zu entsprechenden Nutzungen auf
gewachsenem Land und ggf. in anderen Bergbaufolgelandschaften
anzustellen, die die standörtliche Spezifik verdeutlichen
c) auf einer synthetischen Ebene den etablierten Nutzungsmix
der Bergbaufolgelandschaft als sozioökonomisch vermittelte
Produktion von Biodiversität zu diskutieren und diese
Ergebnisse auf ihre Übertragbarkeit hin zu prüfen.
Der Praxisteil dieses Ansatzes konnte ebenfalls integriert
werden, wobei zwei Aufgaben zu berücksichtigen waren:
a) Die Zusammenarbeit mit den Praktikern gehört zu den
Arbeitsbedingungen erfolgreicher sozioökonomischer Forschung.
Bei Befragungen und Datenerhebungen stellen die Landnutzer
ihre Zeit und ihr Wissen zur Verfügung und erwarten deshalb
einen entsprechenden Rückfluss an Informationen, der
gewährleistet und standardisiert werden muss.
b) Zugleich erlangt die Sozioökonomie im Ensemble der
naturwissenschaftlichen Disziplinen integrierende Funktionen:
Biodiversität in Kulturlandschaften wird nur durch eine
Vermittlung von naturräumlichen Bedingungen und sozioökonomischem
Handeln wissenschaftlich zugänglich. Sozioökonomische
Forschung ist methodisch flexibel und in der Lage, elastisch
auch auf komplizierte disziplinäre Konstellationen einzugehen.
Beide Funktionen - der Dialog nach außen und die interdisziplinäre
Kommunikation nach innen - sollten nach Möglichkeit in
einem geeigneten Modul zusammengeführt werden.
2 Stand der Untersuchung
In der ersten Projektphase stand die genaue Sondierung des
Standorts im Mittelpunkt. Alle unmittelbar relevanten Landschaftsnutzungen
wurden erfasst, flächenmäßig zugeordnet und
auf ihre Besonderheiten hin qualifiziert. In 20 themenzentrierten
Befragungen und zehn Begehungen wurden auf diese Weise bereits
ca. 80% der relevanten Nutzungen im Spiegel konkreter Akteure
aufgenommen. Diese Befragungen bezogen sowohl
- das betriebliche, politische und landschaftliche Umfeld
der Schlabendorfer Felder ein (Lausitzer und Mitteldeutsche
Bergbau-Verwaltungsgesellschaft LMBV, gemeinsame Landesplanung
Berlin-Brandenburg, Regionalplanung Lausitz-Spreewald, Tourismusverband
Luckau, Naturpark Niederlausitzer Landrücken, Arbeitskreis
Schlabendorfer Felder, Braunkohleausschuss des Landes Brandenburg)
- als auch die konkreten Landnutzungstypen auf großer
Fläche (Landwirtschaftsbetrieb Zinnitz - Groß Jehser,
Forstrevier Groß Beuchow, Heinz-Sielmann-Stiftung, Schäferei
Görlsdorf)
- sowie marginale Landnutzungen, die zwar geringere Flächenausmaße
annehmen, jedoch als Katalysatoren für sekundäre
Nutzungen des ehemaligen Tagebaus herausragende Bedeutung
besitzen (Arbeitskreis "Seegemeinde Schlabendorf",
Kultur- und Heimatverein Fürstlich Drehna, Motocrossverein
Fürstlich Drehna, Naturlehrpfad Luttchensberg).
Die Ergebnisse dieser Sondierung wurden unmittelbar aufbereitet
und den befragten Akteuren zur Kommentierung vorgelegt. Zugleich
wurde ein umfangreicher Fundus an Fotomaterial aufgebaut,
der die verschiedenen Nutzungsperspektiven visualisiert. Aus
diesen Bausteinen wurde eine Homepage erstellt, die den o.g.
Zweck verfolgt, Praxiskommunikation nach außen und interdisziplinäre
Kommunikation nach innen in einem permanenten Redaktionsprozess
zu gewährleisten. Unter www.schlabendorfer-felder.de
werden sukzessive Beiträge zur naturwissenschaftlichen
und sozioökonomischen Forschung eingestellt, die diese
Arbeit dokumentieren. Die ersten Reaktionen auf dieses Modul
sind außerordentlich positiv. Sie erhöhen die Bekanntheit
und Akzeptanz des Forschungsverbundes im Untersuchungsgebiet,
schaffen eine erhöhte Bereitschaft zur Kooperation und
Bereitstellung von Daten, bilden einen Prüfstein für
die Relevanz landschaftsbezogener Forschung und schaffen den
unerlässlichen gegenseitigen Einblick in die Arbeit der
verschiedenen Teilprojekte. Als Instrument der Wissensorganisation
soll dieses Element Modellcharakter auch für andere interdisziplinäre
Projekte in landschaftsbezogener und anwendungsorientierter
Forschung erlangen, da es prozessual und auf Transparenz hin
angelegt ist und bereits frühzeitig zu ersten sichtbaren
Produkten führt, die in späteren Forschungsphasen
synthetisiert werden können.
An einer allgemeinen, von der Koordination initiierten Erhebung
innerhalb des Verbundes zu grundlegenden forschungsstrategischen
Begriffen wie Sukzession, Biodiversität und Bergbaufolgelandschaft
beteiligte sich das sozioökonomische Teilprojekt mit
einem Diskussionspapier, in dem die verschiedenen Ebenen der
Biodiversitätsdebatte aufgeschlüsselt wurden (vgl.
Piechocki 2002).
3 Bisher vorliegende Ergebnisse
3.1 Einleitung, "state of the art"
Bergbaufolgelandschaften sind historisch als Forschungsgegenstände
zumeist durch die jeweilig vorgesehene oder praktizierte Flächennutzung
konfiguriert. So finden sich etwa zum mitteldeutschen und
Lausitzer Braunkohlerevier kontinuierliche Arbeiten über
Landwirtschaft auf Rekultivierungsflächen (Werner et
al. 1974, Gunschera 1998, Dehnhardt & Schlauderer 1999),
intensive und jahrzehntelange Untersuchungen zur forstlichen
Rekultivierung (Preußner 1998, Grote 1999, Thomasius
et al. 1999) und Forschungen zur natürlichen Sukzession
und zur naturschutzfachlichen Bewertung (Bröring et al.
1998, Felinks et al. 2004, Tischew 2004). Obwohl von den Praktikern
vor Ort oftmals eine wissenschaftliche Validierung des touristischen
Potenzials der Bergbaufolgelandschaften angemahnt wird, findet
sich kaum Literatur zu diesem Thema, was mit der schwer zu
gewährleistenden Messbarkeit sowie mit der jeweiligen
standörtlichen Spezifik und folglich geringen Übertragbarkeit
entsprechender Ergebnisse zusammenhängt. Die Forschung
ist also einerseits sektoral angelegt, zugleich aber sehr
eng an die Spezifik des Standorts gebunden. Dieses Problem
hat prinzipiellen Charakter, weshalb z.B. das Standardwerk
zu Bergbaufolgelandschaften (Pflug 1998) zunächst nach
Landschaften und erst innerhalb dieser nach Nutzungsarten
gegliedert ist. Von der Möglichkeit, das Ensemble an
etablierten Flächennutzungen selbst zum Gegenstand der
Forschung zu machen und somit sowohl eine Beziehung der Nutzungsarten
innerhalb der Bergbaufolgeflächen zu einer landschaftlichen
Synthese herzustellen als auch die erfasste Biodiversität
als sozioökonomisches Produkt aufzuweisen, wird dagegen
kaum Gebrauch gemacht.
Der Grund liegt darin, dass es wegen der hohen Standortheterogenität
bereits innerhalb einer Bergbaufolgefläche äußerst
schwierig ist, zu zuverlässigen Aussagen zu nur einer
Nutzungsform zu gelangen. Die Böden sind, bergbau- und
sanierungsgeschichtlich bedingt, heterogen, sie variieren
nach der Schwierigkeit ihrer Bearbeitung, nach sich permanent
ändernder Grundwasserferne, nach Chemismus (tertiäres,
quartäres oder Oberbodenmaterial) und Fruchtbarkeit.
Die Schlabendorfer Felder sind eine so junge Bergbaufolgelandschaft,
dass viele Entwicklungen noch nicht abgeschlossen sind und
z.T. wieder abgebrochen oder umgekehrt werden: aufwändig
sanierte landwirtschaftliche Nutzflächen werden zu Flachwasserseen
und als Naturschutzflächen umgenutzt, in den siebziger
und achtziger Jahren angelegte Forstkulturen fallen Sprengverdichtungen
im Jahre 2004 zum Opfer und werden als forstliche Standorte
ganz aufgegeben, Pacht- und Eigentümerwechsel bestimmen
das Bild des letzten zehn Jahre. Hinzu kommen extreme Einschnitte
durch den politischen Systemwechsel 1989/90, die sowohl Auswirkungen
auf die Beendigung des Bergbaus (der Tagebau Schlabendorf
Mitte wurde entgegen den ursprünglichen Planungen nicht
aufgeschossen) als auch auf die Sanierung (die LMBV entwickelte
sich von einer Groß-ABM zu einem fachlich etablierten
und solventen Sanierungs- und Immobilienträger) und auf
den durchgesetzten Nutzungsmix hatte.
Zudem haben sich durch die 1989er Wende die volkswirtschaftlichen
Rahmenbedingungen selbst geändert, so dass viele Nutzungen
heute auf Vorleistungen basieren, die unter heutigen Bedingungen
nicht wieder erbracht werden würden. Standen die siebziger
Jahre entsprechend den Anforderungen der sozialistischen Produktion
im Zeichen der Rekultivierung (also ackerbaulicher und forstlicher
Nutzung und Naherholung) so ist heute das politische Interesse
an der Etablierung landwirtschaftlicher und forstlicher Nutzungen
relativ gering und hat einer erhöhten Akzeptanz von Renaturierung
Platz gemacht. Der Naturschutz tritt somit im Ensemble der
anderen Nutzer mit einer neuen Bedeutung und einer großen
Inanspruchnahme von Flächen auf, jedoch mit zu diesen
Nutzungen vollkommen asymmetrischen (weil nicht auf stoffliche
Produktion gerichteten) Ansprüchen. Wegen dieses Umstands
wird er in der Regel gar nicht als Nutzer der Bergbaufolgelandschaft
"im eigentlichen Sinne" erkannt, obwohl ihm dieser
Status de facto zukommt.
Dieses komplexe Verhältnis gilt es, im lokalen Raumbezug
genau zu rekonstruieren. Dabei müssen die genannten historisch
bedingten Faktoren, die auf die Entwicklung der Biodiversität
gewirkt haben (politische Entscheidungen, wirtschaftlicher
Systemwechsel), von standörtlich bestimmten Faktoren
(Böden, Relief, Akteursensemble) unterschieden und systematisiert
werden, um die Übertragbarkeit der Ergebnisse verifizieren
zu können. Ein solches Unterfangen ist aus der rein nutzungsbezogenen
Begleitforschung heraus nicht möglich, da die verschiedenen
Landnutzungssysteme über ihre je eigenen ökonomischen
Grundlagen (Markt, Förderung und Subvention) verfügen,
vor allem aber, weil sich mit der Etablierung bestimmter Nutzungen
zugleich bestimmte Interessen auf der Fläche durchgesetzt
haben. Das verbindende Element (die einheitliche "Währung"
der Bergbaufolgenutzungen) ist die Inanspruchnahme von Flächen
- der Boden bleibt also das Produktionsmittel, das sowohl
Grundlage für die Nutzungen als auch für die zwischen
ihnen stattfindenden Verteilungskonflikte bildet. Also muss
auch in der Verfügbarkeit und Gestaltung der Flächen
der Schlüssel für die sozioökonomische Vergleichbarkeit
der Bergbaufolgenutzungen liegen.
3.2 Methodik
Aus 3.1. ergibt sich, dass die methodische Schwierigkeit einer
sozioökonomischen Analyse von Bergbaufolgelandschaften
darin besteht, bei größter Heterogenität des
Standorts und bei prinzipieller Asymmetrie der in ihnen vorkommenden
Nutzungen eine synthetische und Vergleiche ermöglichende
Betrachtungsebene zu finden, die darüber hinaus auch
noch Anknüpfungspunkte zur naturwissenschaftlichen Erforschung
des Standortes bietet und theoretische Impulse zur Erschließung
anderer Landschaften gibt.
Diese Ebene wird mit dem Konzept der Besiedlung geschaffen.
Nach der Nutzungsaufgabe der Kohleförderung sind die
Bergbaufolgeflächen devastierte Flächen vom Status
einer natürlichen und sozialen Tabula rasa. Ihre Wiederbesiedlung
erfolgt aus dem Umland - unmittelbar durch die natürliche
Sukzession (einwandernde Pionierarten, Mykorrhizierung des
Bodens etc.). Die natürliche Dynamik ist verschränkt
mit einer sozialen Besiedlungsdynamik, in der verschiedene
Akteure mit ihren Nutzungen in die Flächen eindringen
und diese dort erproben, wobei ihnen unterschiedlicher Erfolg
und den jeweiligen Nutzungen je verschiedene Dauer beschieden
ist. Beide Elemente - die natürliche und die soziale
Besiedlung - erzeugen erst eine neue landschaftliche Dynamik
und produzieren Biodiversität.
Der Vorteil eines so verstandenen Besiedlungskonzepts besteht
darin, dass der Mensch sowohl als Faktor als auch als Teil
der neuen landschaftlichen Dynamik kenntlich wird. Die Träger
der verschiedenen Nutzungen können zudem als soziale
Pionierbesiedler erfasst werden, die nicht eine gängige
Praxis fortsetzen, sondern sie unter z.T. widrigen Bedingungen
durchsetzen müssen. Dabei fällt sowohl die existenzielle
Abhängigkeit von der Fläche als auch die soziokulturelle
Ausgangslage der Akteure ins Gewicht und wird analysierbar.
Individuelles Handeln ist bei der erfolgreichen Wiederbesiedlung
von Bergbaufolgelandschaften ausschlaggebend (Wittig 1998,
S. 478) und gehört daher unbedingt zu den soziologisch
relevanten Größen. Die ökonomische Forschung
trifft also hier auf ein sozialwissenschaftliches Element.
Zudem wird auf diese Weise ein grundlegender Unterschied zur
landschaftlichen Dynamik auf gewachsenem Land erfasst, der
in einer prozessualen Perspektive aufgelöst werden muss.
Die Methoden der Landnutzungsforschung, die für gewachsenes,
von Devastierung nicht betroffenes Land erarbeitet wurden,
können daher nicht einfach kritiklos übernommen
werden. Im Gegenteil erscheint die implizite Voraussetzung,
auf gewachsenem Land herrsche eine einmal etablierte und in
sich ruhende Landnutzungspraxis, als statische Verzerrung.
Vielmehr sollen vom Besiedlungskonzept auch Impulse für
die Erforschung gewachsener Standorte ausgehen.
Die sozioökonomischen Untersuchungen erheben also die
verschiedenen Nutzungen unter dem Gesichtspunkt der Kolonisierung
neuer Flächen. Damit bieten sie sowohl eine methodische
Parallele zu den naturwissenschaftlichen Untersuchungen als
auch eine Schnittmenge von soziologischen und ökonomischen
Fragestellungen. Sie bilden also einen Fall "echter"
Sozioökonomie. Das methodische Vorgehen basiert auf themenzentrierten
Befragungen, die je nach Nutzungsform und Datenlage mehrfach
gestaffelt werden müssen.
Ergänzend werden in der Literatur Daten über sanierungsbedingte
Aufwendungen recherchiert, die vor einer Nutzung in die jeweiligen
Flächen investiert werden müssen bzw. mussten. Entsprechende
Daten werden quantifiziert und in Zusammenarbeit mit der Fernerkundung
kartiert. Chancen einer vergleichenden Bewertung auf der Grundlage
von Monetarisierung bzw. anderer Quantifizierung müssen
kritisch geprüft und ggf. genutzt werden. Dazu gehört
z.B. ein durch die lokalen Besonderheiten qualifizierter Arbeitskräfteschlüssel
pro Hektar Bergbaufolgefläche. Dabei ist zu beachten,
dass sich die Analyse auf zwei Ebenen bewegt, die nicht miteinander
vermengt werden dürfen (Born et al. 2004): auf dem "business
level" können Landnutzungen als ökonomisch
erfolgreich erscheinen, die aus volkswirtschaftlicher Perspektive
unvernünftig sind. Aus diesem Grund ist ein einfacher
Vergleich nach Kosten und Leistungen nicht zielführend.
In der Sondierungsphase wird die allgemeine landschaftliche
Situation des Nutzers erhoben: Nutzungsgeschichte, Flächenausmaß,
Bodenerwerb, -pacht oder Nutzungsrecht, Arbeitsbeziehungen
und Konflikte mit anderen Nutzern oder verantwortlichen Institutionen,
Einschätzung der betriebswirtschaftlichen Situation,
Verhältnis zur Bergbaufolgelandschaft. Auf dieser Grundlage
wird ein Text erstellt, der den Befragten zum Gegenlesen vorgelegt
wird und anschließend auf der o.g. Homepage mit Fotomaterial
eingestellt wird. In einem zweiten Schritt werden die einzelnen
Nutzungsarten vergleichend systematisiert und der weitere
Datenbedarf gelistet. Parallel erfolgen weitere Interviews
zur Vervollständigung des Sets (Privatwaldbesitzer, Jagdpächtergemeinschaften,
Feldbauunternehmen, Sanierungsbetriebe). Im Anschluss wird
auf der Grundlage des ermittelten Datenbedarfs eine zweite
Befragungsrunde vorgenommen, die z.T. mit denselben Nutzern
durchgeführt wird, die bereits in der ersten Runde befragt
worden sind. Parallel werden Referenznutzungen auf gewachsenem
Land sondiert und erhoben. Auf der Basis dieses Materials
erfolgt die Systematisierung, Synthese und Auswertung. Die
Schnittstellen mit den naturwissenschaftlichen Untersuchungen
werden permanent im o.g. Redaktionsprozess gesucht und erprobt.
3.3 Ergebnis
Durch die Erfassung dieses Spektrums an Gestaltungsweisen
der Bergbaufolgeflächen ergibt sich bereits jetzt ein
sehr vielfältiges und zusammenhängendes Bild der
Bergbaufolgelandschaft Schlabendorfer Felder. Zudem zeichnet
sich eine sozioökonomische Systematik ab, deren Relevanz
für die Biodiversität unverkennbar ist. Zwei herausragende
Merkmale der Bergbaufolgelandschaft Schlabendorfer Felder
aus sozioökonomischer Sicht sind hervorzuheben:
1. Die Beziehungen zwischen den landschaftsbezogenen Nutzern
und Akteuren auf der einen, der Bergbaufolgelandschaft auf
der anderen Seite sind außerordentlich dicht, vielfältig
und wurzeln in einer langjährigen, z.T. über Generationen
gewachsenen Arbeitsgeschichte in der Niederlausitz. Dies betrifft
sowohl die Land- und Forstwirte, als auch die vor Ort aktiven
Naturschützer, Sanierer und die lokalen Initiativen.
Im Gegensatz zu den Truppenübungsplätzen Nordostdeutschlands,
die ein krasses Nicht-Verhältnis von Mensch und Fläche
in großer soziologischer Breite aufwiesen (Anders 2003),
verfügen die landschaftsbezogenen Akteure an den Schlabendorfer
Feldern über einen reichen Schatz an Erfahrungen, eigenen
Arbeits- oder Lebenserinnerungen, sie haben z.T. das heutige
Gesicht der Bergbaufolgelandschaft als Mitarbeiter in der
Kohleförderung selbst mit geschaffen bzw. verantwortet
oder die Eingriffe über viele Jahre kritisch begleitet.
Auch das naturschutzfachliche Potenzial der Flächen ist
keine Entdeckung der neunziger Jahre, sondern bereits unter
den schwierigen Bedingungen der DDR-Umweltpolitik von lokalen
Akteuren erkannt worden. Diese Beziehungsdichte ist nicht
nur eine regionale Besonderheit, sie bedingt auch die konkret
stattfindende Siedlungsdynamik auf den Flächen und hat
also unmittelbare Konsequenzen für die sozioökonomische
Bewertung der Bergbaufolgelandschaft. Die Besiedlung wird
von lokalen Nutzern und Akteuren getragen und basiert auf
einem hohen räumlichen Orientierungsvermögen und
einem ungebrochenen Vertrauen in den Wert der devastierten
bzw. für eine Rekultivierung sanierten Flächen.
Die Nutzer und Sanierer sind ausnahmslos von einem starken
Pioniergeist geleitet, der ihnen auch in schwierigen Situationen
Gestaltungswillen und Durchsetzungsvermögen verleiht.
Zwischen den Nutzern bestehen aus o.g. Grund über Jahrzehnte
gewachsenen Kommunikationsbeziehungen, die in erheblichem
Maße zur Lösung von Konflikten beitragen. Diese
lokal tradierten Beziehungen werden auch von überregionalen
komplexen Akteuren und Eigentümern genutzt, um auf den
Flächen Arbeitsziele zu verwirklichen und Interessen
abzugleichen. Das starke Engagement der Heinz-Sielmann-Stiftung
bedeutete eine Strapazierung der unter 1 und 2 genannten Potenziale,
da die Nutzung der Flächen für den Naturschutz somit
in relativ kurzer Zeit eine flächenmäßige
und symbolische Bedeutungszunahme erfuhr.
2. Alle auf den Flächen aktiven Nutzer sind im engeren
Sinne des Begriffs Siedler, d.h. sie haben ihre Existenz zum
deutlich überwiegenden Teil auf die Basis der Bergbaufolgeflächen
gestellt. Dies betrifft sowohl die betroffenen Forstreviere
als auch die Landwirtschaftsbetriebe, die Naturschutzstiftung,
die Naherholungsinitiativen der Kommunen und z.T. auch die
kleinen Träger. In der Regel haben sich diese Nutzer
nicht in der Bergbaufolgelandschaft "ein zweites Standbein"
geschaffen, sondern sind in elementarer Weise von den Rekultivierungs-
bzw. Renaturierungsflächen abhängig. Dies bedingt
eine besondere Schwere möglicher Interessenkonflikte
und rechtfertigt das oben entfaltete methodische Konzept,
die Nutzung der Bergbaufolgelandschaft als Kolonisierungsdynamik
zu erfassen, in eminenter Weise.
3.4 Diskussion
Beide unter 3.3. genannten Punkte sind von hoher Prägnanz
und bilden zugleich eine Leitlinie zur weiteren Recherche
und Erhebung von Material. Im Mittelpunkt steht die methodische
Konsequenz, die Nutzungen der Bergbaufolgeflächen nicht
wie Managementverfahren (im Sinne verschiedener Agentien eines
Subjekts mit einem einheitlichen Zweck) zu vergleichen, sondern
die verschiedenen Inanspruchnahmen der Fläche als je
verschiedene, durch Besiedlung ermöglichte Existenzgründungen
zu betrachten, die mehr oder weniger erfolgreich sind und
ein je verschiedenes Verhältnis zur Biodiversität
einnehmen. Alle Nutzungen zusammen erzeugen in jedem Falle
eine bestimmte landschaftliche Diversität. Ein differenziertes
und gleichzeitig prägnantes Bild dieser Diversität
soll am Ende der Untersuchungen stehen. Es lässt Schlussfolgerungen
für politische Entscheidungen über die Festlegungen
über zu etablierende Nutzungsspektren zu, formuliert
Grundsätze über die Art und Weise, entsprechende
Entscheidungen regional zu verankern und zu kommunizieren
und zielt auf eine explizite Benennung der Potenziale sozialer
Selbstorganisation im Verhältnis zur natürlichen
Selbstorganisation, die in den Forschungsarbeiten zur freien
Sukzession erfasst wird.
Das methodische Instrumentarium, das auf dieser Grundlage
entwickelt wird, erlaubt eine gezielte und schnelle Erfassung
und wissenschaftliche Begleitung Regionen mit rapide nachlassender
Nutzungsintensität durch angestammte Landnutzer und einer
Steuerung der auf diese Freisetzung folgenden Kolonisierungsprozesse.
Dieses Instrumentarium wird insbesondere in Osteuropa in den
nächsten Jahren von hohem Interesse sein.
Zugleich wird auf diese Weise die Möglichkeit geschaffen,
Biodiversität als politisches und ökologisches Konzept
unmittelbar in der lokalen Öffentlichkeit der Bergbaufolgelandschaft
zu kommunizieren.
Literatur
4 Zusammenarbeit im Verbund
Das Teilprojekt Sozioökonomie versteht sich als integrierendes
Element im Forschungsverbund. Das unter 1 und 2 geschilderte
Kommunikationsmodul des Internetportals wurde in einem gründlichen
Diskussionsprozess vom Verbund beschlossen, anschließend
produziert und der Vollversammlung präsentiert. Es bietet
die Gelegenheit, mit allen Bearbeitern und Teilprojektleitern
zu arbeiten und die angestellten Untersuchungen gegenseitig
verständlich und verfügbar zu machen. Das geschilderte
Konzept der natürlichen und sozialen Besiedlung dient
vor allem dem Ziel, landschaftliche Prozesse auf unterschiedlichen
Skalenebenen als Bestandteile ein und derselben Dynamik zu
begreifen und somit permanent nach interdisziplinären
Schnittstellen und Interaktionen zu suchen.
Aus diesem Grunde wurde die nächste Vollversammlung als
Arbeitstreffen der Projektbearbeiter aller Teilprojekte zum
Thema Sozioökonomie vereinbart. Dabei sollen die ersten
Ergebnisse der Sozioökonomie präsentiert und diskutiert
werden. Außerdem ist das Teilprojekt gezielt an bestimmten
naturwissenschaftlichen Daten zur Bestimmung der einzelnen
Untersuchungsstandorte interessiert, die es sowohl an die
Landnutzer selbst weitergeben, als auch zur eigenen Konkretisierung
der Rahmenbedingungen für sozioökonomisches Handeln
auf den Flächen verwenden kann.
Für das letzte Drittel der Projektlaufzeit sieht sich
das sozioökonomische Teilprojekt in der Rolle, ein Praxisseminar
zu organisieren und arbeitet bereits jetzt auf entsprechende
inhaltliche als auch organisatorische Grundlagen dafür
hin.
5 Publikationen, Darstellung der Arbeiten nach außen
Bei der institutsinternen Evaluierung im ATB Potsdam im Februar
2005 wurde die Arbeit des Verbundes vorgestellt. Das Internetportal
www.schlabendorfer-felder.de gibt permanenten Einblick in
die Arbeit des Teilprojekts. Für das Jahr 2005 ist mindestens
eine Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift geplant,
wenn ein gemeinsames Publikationsprojekt des Verbundes stattfindet,
ist eine Beteiligung festgelegt.
6 Ausblick der Arbeiten im Jahr 2005
Die Befragungen der ersten Sondierungsphase werden ab Frühjahr
fortgesetzt (Privatwaldbesitzer, andere Landwirtschaftsbetriebe,
Sanierungsunternehmen) um das Set zu vervollständigen
und Daten zu verifizieren. Außerdem wird nach effektiven
Referenzmöglichkeiten auf gewachsenem Land und in anderen
Bergbaufolgelandschaften gesucht, diese Standorte werden ebenfalls
erhoben. Wo möglich, wird auf bereits vorhandenes Material
zurückgegriffen. Dies ist z.T. bei Forst- und Landwirtschaft
denkbar.
In einer nächsten Phase wird in Wiederholungsbefragungen
der wichtigsten Landnutzer der Bergbaufolgelandschaft betriebswirtschaftliches
Datenmaterial erhoben, um den sozioökonomischen Erfolg
der verschiedenen Nutzungsarten verifizierbar zu machen. Dazu
gehört sowohl eine Erhebung der anfallenden Kosten und
Leistungen, als auch eine Berücksichtigung der auf der
Flächennutzung basierenden Arbeitsplätze und eine
Abschätzung der langfristigen Entwicklung der Nutzungsart
in der Bergbaufolgelandschaft.