Landschaftswerkstatt

Zwischenbericht 2005, TP 6, Sozioökonomie

1 Aufgabenstellung
Der Antrag sieht eine methodische Trias aus ökonomischer Analyse, sozialwissenschaftlicher Beschreibung und praktischer Vermittlung zwischen wissenschaftlichen und landschaftsbezogenen Akteuren vor. In der ersten Projektphase war es nötig, dieses differenziert angelegte Herangehen zu einem effektiven sozioökonomischen Forschungsansatz zu synthetisieren. Aufwändige Umfragemodule wurden aus Kapazitätsgründen ausgeschlossen, stattdessen wurde eine Beschränkung auf das für die Fläche der Schlabendorfer Felder relevante Akteursensemble vorgenommen (Das Konzept des Akteursensembles basiert auf der Figurationssoziologie von Norbert Elias, vgl. dazu Anders 2000). Aufgabe des Teilprojektes ist es, die in diesem Ensemble repräsentierten verschiedenen Nutzungen der Bergbaufolgelandschaft

a) in ihrem sozioökonomischen Bedingungsgefüge zu erfassen, in die lokale Landschafts- und Sanierungsgeschichte einzuordnen und zu systematisieren

b) prägnante Vergleiche zu entsprechenden Nutzungen auf gewachsenem Land und ggf. in anderen Bergbaufolgelandschaften anzustellen, die die standörtliche Spezifik verdeutlichen

c) auf einer synthetischen Ebene den etablierten Nutzungsmix der Bergbaufolgelandschaft als sozioökonomisch vermittelte Produktion von Biodiversität zu diskutieren und diese Ergebnisse auf ihre Übertragbarkeit hin zu prüfen.

Der Praxisteil dieses Ansatzes konnte ebenfalls integriert werden, wobei zwei Aufgaben zu berücksichtigen waren:

a) Die Zusammenarbeit mit den Praktikern gehört zu den Arbeitsbedingungen erfolgreicher sozioökonomischer Forschung. Bei Befragungen und Datenerhebungen stellen die Landnutzer ihre Zeit und ihr Wissen zur Verfügung und erwarten deshalb einen entsprechenden Rückfluss an Informationen, der gewährleistet und standardisiert werden muss.

b) Zugleich erlangt die Sozioökonomie im Ensemble der naturwissenschaftlichen Disziplinen integrierende Funktionen: Biodiversität in Kulturlandschaften wird nur durch eine Vermittlung von naturräumlichen Bedingungen und sozioökonomischem Handeln wissenschaftlich zugänglich. Sozioökonomische Forschung ist methodisch flexibel und in der Lage, elastisch auch auf komplizierte disziplinäre Konstellationen einzugehen.

Beide Funktionen - der Dialog nach außen und die interdisziplinäre Kommunikation nach innen - sollten nach Möglichkeit in einem geeigneten Modul zusammengeführt werden.

2 Stand der Untersuchung
In der ersten Projektphase stand die genaue Sondierung des Standorts im Mittelpunkt. Alle unmittelbar relevanten Landschaftsnutzungen wurden erfasst, flächenmäßig zugeordnet und auf ihre Besonderheiten hin qualifiziert. In 20 themenzentrierten Befragungen und zehn Begehungen wurden auf diese Weise bereits ca. 80% der relevanten Nutzungen im Spiegel konkreter Akteure aufgenommen. Diese Befragungen bezogen sowohl

- das betriebliche, politische und landschaftliche Umfeld der Schlabendorfer Felder ein (Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft LMBV, gemeinsame Landesplanung Berlin-Brandenburg, Regionalplanung Lausitz-Spreewald, Tourismusverband Luckau, Naturpark Niederlausitzer Landrücken, Arbeitskreis Schlabendorfer Felder, Braunkohleausschuss des Landes Brandenburg)

- als auch die konkreten Landnutzungstypen auf großer Fläche (Landwirtschaftsbetrieb Zinnitz - Groß Jehser, Forstrevier Groß Beuchow, Heinz-Sielmann-Stiftung, Schäferei Görlsdorf)

- sowie marginale Landnutzungen, die zwar geringere Flächenausmaße annehmen, jedoch als Katalysatoren für sekundäre Nutzungen des ehemaligen Tagebaus herausragende Bedeutung besitzen (Arbeitskreis "Seegemeinde Schlabendorf", Kultur- und Heimatverein Fürstlich Drehna, Motocrossverein Fürstlich Drehna, Naturlehrpfad Luttchensberg).

Die Ergebnisse dieser Sondierung wurden unmittelbar aufbereitet und den befragten Akteuren zur Kommentierung vorgelegt. Zugleich wurde ein umfangreicher Fundus an Fotomaterial aufgebaut, der die verschiedenen Nutzungsperspektiven visualisiert. Aus diesen Bausteinen wurde eine Homepage erstellt, die den o.g. Zweck verfolgt, Praxiskommunikation nach außen und interdisziplinäre Kommunikation nach innen in einem permanenten Redaktionsprozess zu gewährleisten. Unter www.schlabendorfer-felder.de werden sukzessive Beiträge zur naturwissenschaftlichen und sozioökonomischen Forschung eingestellt, die diese Arbeit dokumentieren. Die ersten Reaktionen auf dieses Modul sind außerordentlich positiv. Sie erhöhen die Bekanntheit und Akzeptanz des Forschungsverbundes im Untersuchungsgebiet, schaffen eine erhöhte Bereitschaft zur Kooperation und Bereitstellung von Daten, bilden einen Prüfstein für die Relevanz landschaftsbezogener Forschung und schaffen den unerlässlichen gegenseitigen Einblick in die Arbeit der verschiedenen Teilprojekte. Als Instrument der Wissensorganisation soll dieses Element Modellcharakter auch für andere interdisziplinäre Projekte in landschaftsbezogener und anwendungsorientierter Forschung erlangen, da es prozessual und auf Transparenz hin angelegt ist und bereits frühzeitig zu ersten sichtbaren Produkten führt, die in späteren Forschungsphasen synthetisiert werden können.

An einer allgemeinen, von der Koordination initiierten Erhebung innerhalb des Verbundes zu grundlegenden forschungsstrategischen Begriffen wie Sukzession, Biodiversität und Bergbaufolgelandschaft beteiligte sich das sozioökonomische Teilprojekt mit einem Diskussionspapier, in dem die verschiedenen Ebenen der Biodiversitätsdebatte aufgeschlüsselt wurden (vgl. Piechocki 2002).

3 Bisher vorliegende Ergebnisse
3.1 Einleitung, "state of the art"
Bergbaufolgelandschaften sind historisch als Forschungsgegenstände zumeist durch die jeweilig vorgesehene oder praktizierte Flächennutzung konfiguriert. So finden sich etwa zum mitteldeutschen und Lausitzer Braunkohlerevier kontinuierliche Arbeiten über Landwirtschaft auf Rekultivierungsflächen (Werner et al. 1974, Gunschera 1998, Dehnhardt & Schlauderer 1999), intensive und jahrzehntelange Untersuchungen zur forstlichen Rekultivierung (Preußner 1998, Grote 1999, Thomasius et al. 1999) und Forschungen zur natürlichen Sukzession und zur naturschutzfachlichen Bewertung (Bröring et al. 1998, Felinks et al. 2004, Tischew 2004). Obwohl von den Praktikern vor Ort oftmals eine wissenschaftliche Validierung des touristischen Potenzials der Bergbaufolgelandschaften angemahnt wird, findet sich kaum Literatur zu diesem Thema, was mit der schwer zu gewährleistenden Messbarkeit sowie mit der jeweiligen standörtlichen Spezifik und folglich geringen Übertragbarkeit entsprechender Ergebnisse zusammenhängt. Die Forschung ist also einerseits sektoral angelegt, zugleich aber sehr eng an die Spezifik des Standorts gebunden. Dieses Problem hat prinzipiellen Charakter, weshalb z.B. das Standardwerk zu Bergbaufolgelandschaften (Pflug 1998) zunächst nach Landschaften und erst innerhalb dieser nach Nutzungsarten gegliedert ist. Von der Möglichkeit, das Ensemble an etablierten Flächennutzungen selbst zum Gegenstand der Forschung zu machen und somit sowohl eine Beziehung der Nutzungsarten innerhalb der Bergbaufolgeflächen zu einer landschaftlichen Synthese herzustellen als auch die erfasste Biodiversität als sozioökonomisches Produkt aufzuweisen, wird dagegen kaum Gebrauch gemacht.

Der Grund liegt darin, dass es wegen der hohen Standortheterogenität bereits innerhalb einer Bergbaufolgefläche äußerst schwierig ist, zu zuverlässigen Aussagen zu nur einer Nutzungsform zu gelangen. Die Böden sind, bergbau- und sanierungsgeschichtlich bedingt, heterogen, sie variieren nach der Schwierigkeit ihrer Bearbeitung, nach sich permanent ändernder Grundwasserferne, nach Chemismus (tertiäres, quartäres oder Oberbodenmaterial) und Fruchtbarkeit. Die Schlabendorfer Felder sind eine so junge Bergbaufolgelandschaft, dass viele Entwicklungen noch nicht abgeschlossen sind und z.T. wieder abgebrochen oder umgekehrt werden: aufwändig sanierte landwirtschaftliche Nutzflächen werden zu Flachwasserseen und als Naturschutzflächen umgenutzt, in den siebziger und achtziger Jahren angelegte Forstkulturen fallen Sprengverdichtungen im Jahre 2004 zum Opfer und werden als forstliche Standorte ganz aufgegeben, Pacht- und Eigentümerwechsel bestimmen das Bild des letzten zehn Jahre. Hinzu kommen extreme Einschnitte durch den politischen Systemwechsel 1989/90, die sowohl Auswirkungen auf die Beendigung des Bergbaus (der Tagebau Schlabendorf Mitte wurde entgegen den ursprünglichen Planungen nicht aufgeschossen) als auch auf die Sanierung (die LMBV entwickelte sich von einer Groß-ABM zu einem fachlich etablierten und solventen Sanierungs- und Immobilienträger) und auf den durchgesetzten Nutzungsmix hatte.

Zudem haben sich durch die 1989er Wende die volkswirtschaftlichen Rahmenbedingungen selbst geändert, so dass viele Nutzungen heute auf Vorleistungen basieren, die unter heutigen Bedingungen nicht wieder erbracht werden würden. Standen die siebziger Jahre entsprechend den Anforderungen der sozialistischen Produktion im Zeichen der Rekultivierung (also ackerbaulicher und forstlicher Nutzung und Naherholung) so ist heute das politische Interesse an der Etablierung landwirtschaftlicher und forstlicher Nutzungen relativ gering und hat einer erhöhten Akzeptanz von Renaturierung Platz gemacht. Der Naturschutz tritt somit im Ensemble der anderen Nutzer mit einer neuen Bedeutung und einer großen Inanspruchnahme von Flächen auf, jedoch mit zu diesen Nutzungen vollkommen asymmetrischen (weil nicht auf stoffliche Produktion gerichteten) Ansprüchen. Wegen dieses Umstands wird er in der Regel gar nicht als Nutzer der Bergbaufolgelandschaft "im eigentlichen Sinne" erkannt, obwohl ihm dieser Status de facto zukommt.

Dieses komplexe Verhältnis gilt es, im lokalen Raumbezug genau zu rekonstruieren. Dabei müssen die genannten historisch bedingten Faktoren, die auf die Entwicklung der Biodiversität gewirkt haben (politische Entscheidungen, wirtschaftlicher Systemwechsel), von standörtlich bestimmten Faktoren (Böden, Relief, Akteursensemble) unterschieden und systematisiert werden, um die Übertragbarkeit der Ergebnisse verifizieren zu können. Ein solches Unterfangen ist aus der rein nutzungsbezogenen Begleitforschung heraus nicht möglich, da die verschiedenen Landnutzungssysteme über ihre je eigenen ökonomischen Grundlagen (Markt, Förderung und Subvention) verfügen, vor allem aber, weil sich mit der Etablierung bestimmter Nutzungen zugleich bestimmte Interessen auf der Fläche durchgesetzt haben. Das verbindende Element (die einheitliche "Währung" der Bergbaufolgenutzungen) ist die Inanspruchnahme von Flächen - der Boden bleibt also das Produktionsmittel, das sowohl Grundlage für die Nutzungen als auch für die zwischen ihnen stattfindenden Verteilungskonflikte bildet. Also muss auch in der Verfügbarkeit und Gestaltung der Flächen der Schlüssel für die sozioökonomische Vergleichbarkeit der Bergbaufolgenutzungen liegen.

3.2 Methodik
Aus 3.1. ergibt sich, dass die methodische Schwierigkeit einer sozioökonomischen Analyse von Bergbaufolgelandschaften darin besteht, bei größter Heterogenität des Standorts und bei prinzipieller Asymmetrie der in ihnen vorkommenden Nutzungen eine synthetische und Vergleiche ermöglichende Betrachtungsebene zu finden, die darüber hinaus auch noch Anknüpfungspunkte zur naturwissenschaftlichen Erforschung des Standortes bietet und theoretische Impulse zur Erschließung anderer Landschaften gibt.

Diese Ebene wird mit dem Konzept der Besiedlung geschaffen. Nach der Nutzungsaufgabe der Kohleförderung sind die Bergbaufolgeflächen devastierte Flächen vom Status einer natürlichen und sozialen Tabula rasa. Ihre Wiederbesiedlung erfolgt aus dem Umland - unmittelbar durch die natürliche Sukzession (einwandernde Pionierarten, Mykorrhizierung des Bodens etc.). Die natürliche Dynamik ist verschränkt mit einer sozialen Besiedlungsdynamik, in der verschiedene Akteure mit ihren Nutzungen in die Flächen eindringen und diese dort erproben, wobei ihnen unterschiedlicher Erfolg und den jeweiligen Nutzungen je verschiedene Dauer beschieden ist. Beide Elemente - die natürliche und die soziale Besiedlung - erzeugen erst eine neue landschaftliche Dynamik und produzieren Biodiversität.

Der Vorteil eines so verstandenen Besiedlungskonzepts besteht darin, dass der Mensch sowohl als Faktor als auch als Teil der neuen landschaftlichen Dynamik kenntlich wird. Die Träger der verschiedenen Nutzungen können zudem als soziale Pionierbesiedler erfasst werden, die nicht eine gängige Praxis fortsetzen, sondern sie unter z.T. widrigen Bedingungen durchsetzen müssen. Dabei fällt sowohl die existenzielle Abhängigkeit von der Fläche als auch die soziokulturelle Ausgangslage der Akteure ins Gewicht und wird analysierbar. Individuelles Handeln ist bei der erfolgreichen Wiederbesiedlung von Bergbaufolgelandschaften ausschlaggebend (Wittig 1998, S. 478) und gehört daher unbedingt zu den soziologisch relevanten Größen. Die ökonomische Forschung trifft also hier auf ein sozialwissenschaftliches Element. Zudem wird auf diese Weise ein grundlegender Unterschied zur landschaftlichen Dynamik auf gewachsenem Land erfasst, der in einer prozessualen Perspektive aufgelöst werden muss. Die Methoden der Landnutzungsforschung, die für gewachsenes, von Devastierung nicht betroffenes Land erarbeitet wurden, können daher nicht einfach kritiklos übernommen werden. Im Gegenteil erscheint die implizite Voraussetzung, auf gewachsenem Land herrsche eine einmal etablierte und in sich ruhende Landnutzungspraxis, als statische Verzerrung. Vielmehr sollen vom Besiedlungskonzept auch Impulse für die Erforschung gewachsener Standorte ausgehen.
Die sozioökonomischen Untersuchungen erheben also die verschiedenen Nutzungen unter dem Gesichtspunkt der Kolonisierung neuer Flächen. Damit bieten sie sowohl eine methodische Parallele zu den naturwissenschaftlichen Untersuchungen als auch eine Schnittmenge von soziologischen und ökonomischen Fragestellungen. Sie bilden also einen Fall "echter" Sozioökonomie. Das methodische Vorgehen basiert auf themenzentrierten Befragungen, die je nach Nutzungsform und Datenlage mehrfach gestaffelt werden müssen.

Ergänzend werden in der Literatur Daten über sanierungsbedingte Aufwendungen recherchiert, die vor einer Nutzung in die jeweiligen Flächen investiert werden müssen bzw. mussten. Entsprechende Daten werden quantifiziert und in Zusammenarbeit mit der Fernerkundung kartiert. Chancen einer vergleichenden Bewertung auf der Grundlage von Monetarisierung bzw. anderer Quantifizierung müssen kritisch geprüft und ggf. genutzt werden. Dazu gehört z.B. ein durch die lokalen Besonderheiten qualifizierter Arbeitskräfteschlüssel pro Hektar Bergbaufolgefläche. Dabei ist zu beachten, dass sich die Analyse auf zwei Ebenen bewegt, die nicht miteinander vermengt werden dürfen (Born et al. 2004): auf dem "business level" können Landnutzungen als ökonomisch erfolgreich erscheinen, die aus volkswirtschaftlicher Perspektive unvernünftig sind. Aus diesem Grund ist ein einfacher Vergleich nach Kosten und Leistungen nicht zielführend.

In der Sondierungsphase wird die allgemeine landschaftliche Situation des Nutzers erhoben: Nutzungsgeschichte, Flächenausmaß, Bodenerwerb, -pacht oder Nutzungsrecht, Arbeitsbeziehungen und Konflikte mit anderen Nutzern oder verantwortlichen Institutionen, Einschätzung der betriebswirtschaftlichen Situation, Verhältnis zur Bergbaufolgelandschaft. Auf dieser Grundlage wird ein Text erstellt, der den Befragten zum Gegenlesen vorgelegt wird und anschließend auf der o.g. Homepage mit Fotomaterial eingestellt wird. In einem zweiten Schritt werden die einzelnen Nutzungsarten vergleichend systematisiert und der weitere Datenbedarf gelistet. Parallel erfolgen weitere Interviews zur Vervollständigung des Sets (Privatwaldbesitzer, Jagdpächtergemeinschaften, Feldbauunternehmen, Sanierungsbetriebe). Im Anschluss wird auf der Grundlage des ermittelten Datenbedarfs eine zweite Befragungsrunde vorgenommen, die z.T. mit denselben Nutzern durchgeführt wird, die bereits in der ersten Runde befragt worden sind. Parallel werden Referenznutzungen auf gewachsenem Land sondiert und erhoben. Auf der Basis dieses Materials erfolgt die Systematisierung, Synthese und Auswertung. Die Schnittstellen mit den naturwissenschaftlichen Untersuchungen werden permanent im o.g. Redaktionsprozess gesucht und erprobt.

3.3 Ergebnis
Durch die Erfassung dieses Spektrums an Gestaltungsweisen der Bergbaufolgeflächen ergibt sich bereits jetzt ein sehr vielfältiges und zusammenhängendes Bild der Bergbaufolgelandschaft Schlabendorfer Felder. Zudem zeichnet sich eine sozioökonomische Systematik ab, deren Relevanz für die Biodiversität unverkennbar ist. Zwei herausragende Merkmale der Bergbaufolgelandschaft Schlabendorfer Felder aus sozioökonomischer Sicht sind hervorzuheben:

1. Die Beziehungen zwischen den landschaftsbezogenen Nutzern und Akteuren auf der einen, der Bergbaufolgelandschaft auf der anderen Seite sind außerordentlich dicht, vielfältig und wurzeln in einer langjährigen, z.T. über Generationen gewachsenen Arbeitsgeschichte in der Niederlausitz. Dies betrifft sowohl die Land- und Forstwirte, als auch die vor Ort aktiven Naturschützer, Sanierer und die lokalen Initiativen. Im Gegensatz zu den Truppenübungsplätzen Nordostdeutschlands, die ein krasses Nicht-Verhältnis von Mensch und Fläche in großer soziologischer Breite aufwiesen (Anders 2003), verfügen die landschaftsbezogenen Akteure an den Schlabendorfer Feldern über einen reichen Schatz an Erfahrungen, eigenen Arbeits- oder Lebenserinnerungen, sie haben z.T. das heutige Gesicht der Bergbaufolgelandschaft als Mitarbeiter in der Kohleförderung selbst mit geschaffen bzw. verantwortet oder die Eingriffe über viele Jahre kritisch begleitet. Auch das naturschutzfachliche Potenzial der Flächen ist keine Entdeckung der neunziger Jahre, sondern bereits unter den schwierigen Bedingungen der DDR-Umweltpolitik von lokalen Akteuren erkannt worden. Diese Beziehungsdichte ist nicht nur eine regionale Besonderheit, sie bedingt auch die konkret stattfindende Siedlungsdynamik auf den Flächen und hat also unmittelbare Konsequenzen für die sozioökonomische Bewertung der Bergbaufolgelandschaft. Die Besiedlung wird von lokalen Nutzern und Akteuren getragen und basiert auf einem hohen räumlichen Orientierungsvermögen und einem ungebrochenen Vertrauen in den Wert der devastierten bzw. für eine Rekultivierung sanierten Flächen. Die Nutzer und Sanierer sind ausnahmslos von einem starken Pioniergeist geleitet, der ihnen auch in schwierigen Situationen Gestaltungswillen und Durchsetzungsvermögen verleiht. Zwischen den Nutzern bestehen aus o.g. Grund über Jahrzehnte gewachsenen Kommunikationsbeziehungen, die in erheblichem Maße zur Lösung von Konflikten beitragen. Diese lokal tradierten Beziehungen werden auch von überregionalen komplexen Akteuren und Eigentümern genutzt, um auf den Flächen Arbeitsziele zu verwirklichen und Interessen abzugleichen. Das starke Engagement der Heinz-Sielmann-Stiftung bedeutete eine Strapazierung der unter 1 und 2 genannten Potenziale, da die Nutzung der Flächen für den Naturschutz somit in relativ kurzer Zeit eine flächenmäßige und symbolische Bedeutungszunahme erfuhr.

2. Alle auf den Flächen aktiven Nutzer sind im engeren Sinne des Begriffs Siedler, d.h. sie haben ihre Existenz zum deutlich überwiegenden Teil auf die Basis der Bergbaufolgeflächen gestellt. Dies betrifft sowohl die betroffenen Forstreviere als auch die Landwirtschaftsbetriebe, die Naturschutzstiftung, die Naherholungsinitiativen der Kommunen und z.T. auch die kleinen Träger. In der Regel haben sich diese Nutzer nicht in der Bergbaufolgelandschaft "ein zweites Standbein" geschaffen, sondern sind in elementarer Weise von den Rekultivierungs- bzw. Renaturierungsflächen abhängig. Dies bedingt eine besondere Schwere möglicher Interessenkonflikte und rechtfertigt das oben entfaltete methodische Konzept, die Nutzung der Bergbaufolgelandschaft als Kolonisierungsdynamik zu erfassen, in eminenter Weise.

3.4 Diskussion
Beide unter 3.3. genannten Punkte sind von hoher Prägnanz und bilden zugleich eine Leitlinie zur weiteren Recherche und Erhebung von Material. Im Mittelpunkt steht die methodische Konsequenz, die Nutzungen der Bergbaufolgeflächen nicht wie Managementverfahren (im Sinne verschiedener Agentien eines Subjekts mit einem einheitlichen Zweck) zu vergleichen, sondern die verschiedenen Inanspruchnahmen der Fläche als je verschiedene, durch Besiedlung ermöglichte Existenzgründungen zu betrachten, die mehr oder weniger erfolgreich sind und ein je verschiedenes Verhältnis zur Biodiversität einnehmen. Alle Nutzungen zusammen erzeugen in jedem Falle eine bestimmte landschaftliche Diversität. Ein differenziertes und gleichzeitig prägnantes Bild dieser Diversität soll am Ende der Untersuchungen stehen. Es lässt Schlussfolgerungen für politische Entscheidungen über die Festlegungen über zu etablierende Nutzungsspektren zu, formuliert Grundsätze über die Art und Weise, entsprechende Entscheidungen regional zu verankern und zu kommunizieren und zielt auf eine explizite Benennung der Potenziale sozialer Selbstorganisation im Verhältnis zur natürlichen Selbstorganisation, die in den Forschungsarbeiten zur freien Sukzession erfasst wird.

Das methodische Instrumentarium, das auf dieser Grundlage entwickelt wird, erlaubt eine gezielte und schnelle Erfassung und wissenschaftliche Begleitung Regionen mit rapide nachlassender Nutzungsintensität durch angestammte Landnutzer und einer Steuerung der auf diese Freisetzung folgenden Kolonisierungsprozesse. Dieses Instrumentarium wird insbesondere in Osteuropa in den nächsten Jahren von hohem Interesse sein.

Zugleich wird auf diese Weise die Möglichkeit geschaffen, Biodiversität als politisches und ökologisches Konzept unmittelbar in der lokalen Öffentlichkeit der Bergbaufolgelandschaft zu kommunizieren.

Literatur

4 Zusammenarbeit im Verbund
Das Teilprojekt Sozioökonomie versteht sich als integrierendes Element im Forschungsverbund. Das unter 1 und 2 geschilderte Kommunikationsmodul des Internetportals wurde in einem gründlichen Diskussionsprozess vom Verbund beschlossen, anschließend produziert und der Vollversammlung präsentiert. Es bietet die Gelegenheit, mit allen Bearbeitern und Teilprojektleitern zu arbeiten und die angestellten Untersuchungen gegenseitig verständlich und verfügbar zu machen. Das geschilderte Konzept der natürlichen und sozialen Besiedlung dient vor allem dem Ziel, landschaftliche Prozesse auf unterschiedlichen Skalenebenen als Bestandteile ein und derselben Dynamik zu begreifen und somit permanent nach interdisziplinären Schnittstellen und Interaktionen zu suchen.

Aus diesem Grunde wurde die nächste Vollversammlung als Arbeitstreffen der Projektbearbeiter aller Teilprojekte zum Thema Sozioökonomie vereinbart. Dabei sollen die ersten Ergebnisse der Sozioökonomie präsentiert und diskutiert werden. Außerdem ist das Teilprojekt gezielt an bestimmten naturwissenschaftlichen Daten zur Bestimmung der einzelnen Untersuchungsstandorte interessiert, die es sowohl an die Landnutzer selbst weitergeben, als auch zur eigenen Konkretisierung der Rahmenbedingungen für sozioökonomisches Handeln auf den Flächen verwenden kann.

Für das letzte Drittel der Projektlaufzeit sieht sich das sozioökonomische Teilprojekt in der Rolle, ein Praxisseminar zu organisieren und arbeitet bereits jetzt auf entsprechende inhaltliche als auch organisatorische Grundlagen dafür hin.

5 Publikationen, Darstellung der Arbeiten nach außen
Bei der institutsinternen Evaluierung im ATB Potsdam im Februar 2005 wurde die Arbeit des Verbundes vorgestellt. Das Internetportal www.schlabendorfer-felder.de gibt permanenten Einblick in die Arbeit des Teilprojekts. Für das Jahr 2005 ist mindestens eine Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift geplant, wenn ein gemeinsames Publikationsprojekt des Verbundes stattfindet, ist eine Beteiligung festgelegt.

6 Ausblick der Arbeiten im Jahr 2005
Die Befragungen der ersten Sondierungsphase werden ab Frühjahr fortgesetzt (Privatwaldbesitzer, andere Landwirtschaftsbetriebe, Sanierungsunternehmen) um das Set zu vervollständigen und Daten zu verifizieren. Außerdem wird nach effektiven Referenzmöglichkeiten auf gewachsenem Land und in anderen Bergbaufolgelandschaften gesucht, diese Standorte werden ebenfalls erhoben. Wo möglich, wird auf bereits vorhandenes Material zurückgegriffen. Dies ist z.T. bei Forst- und Landwirtschaft denkbar.

In einer nächsten Phase wird in Wiederholungsbefragungen der wichtigsten Landnutzer der Bergbaufolgelandschaft betriebswirtschaftliches Datenmaterial erhoben, um den sozioökonomischen Erfolg der verschiedenen Nutzungsarten verifizierbar zu machen. Dazu gehört sowohl eine Erhebung der anfallenden Kosten und Leistungen, als auch eine Berücksichtigung der auf der Flächennutzung basierenden Arbeitsplätze und eine Abschätzung der langfristigen Entwicklung der Nutzungsart in der Bergbaufolgelandschaft.

 

 

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